Von Sebastian Haffners Buch "Geschichte eines Deutschen", einem Augenzeugenbericht über die Entstehung der Naziherrschaft, 1939 verfasst und im August 2000 von Haffners Sohn Oliver Pretzel aus dem Nachlass veröffentlicht, sind inzwischen 320 000 Exemplare verkauft worden. Dieser Erfolg hat nun, ein Jahr später, zwei Kritiker, einen im Deutschlandfunk und einen in der "FAZ", auf den Plan gerufen. Während jener anhand gewisser Indizien erfolglos nachzuweisen versuchte, Haffners Buch sei "zum größten Teil fingiert", äußert dieser einen ideologischen Generalverdacht: Haffners Buch, offenkundig in den sechziger Jahren überarbeitet, habe deshalb so großen Erfolg, weil es ebenso wie Marcel Reich-Ranickis Autobiografie "Mein Leben" jene zahlreichen Deutschen befriedige, die begierig seien, "das Ressentiment gegenüber den eigenen Landsleuten und der gemeinsamen Geschichte zu pflegen". - Der Journalist und Schriftsteller Haffner, geboren 1907, emigrierte 1938 nach London und kehrte 1954 in seine Geburtsstadt Berlin zurück, wo er 1999 gestorben ist. - Oliver Pretzel, der in London lebt, antwortet auf die Vorwürfe.

In letzter Zeit sind gegen das Buch Geschichte eines Deutschen meines Vaters Sebastian Haffner schwerwiegende Vorwürfe erhoben worden. Dass das Buch einigen missfällt und sie es zum Ausdruck bringen, ist natürlich und rechtens, aber diese Vorwürfe sind anderer Natur und zielen auf seinen Rufmord. Die Gegner werfen dem Buch ohne irgendwelche objektiven Begründungen vor, es sei eine Fälschung und im Nachhinein erdichtet. Sie werfen mit Behauptungen um sich, und es kümmert sie gar nicht, wenn ihre Thesen widerlegt werden, man kann ja immer neue erfinden.

Die Vorwürfe fallen in vier Gruppen:

1. Thesen zum Manuskript: Es enthalte große Veränderungen, sei erst lange nach dem Krieg entstanden

2. Thesen zum Sprachgebrauch: Worte etwa wie "Massenmord" seien vor dem Krieg unbekannt gewesen

3. Thesen zu angeblich faktischen Irrtümern wie, dass es vor dem Krieg keine Rolltreppen in der Berliner U-Bahn gegeben habe

4. Thesen, dass persönliche Erinnerungen "fingiert" oder Meinungen nachträglich geändert worden seien