Moskau

Den ersten Tag habe ich noch lebhaft vor Augen. Im März 1992 betrat ich dieses Amtszimmer: einen riesigen Raum mit einem überlangen Sitzungstisch und einem kolossalen, auf den Etagen der Macht üblichen Schreibtisch für den Hausherrn. Nun stand das alles für mich da. Auch die traditionelle grüne Tischlampe nach Kreml-Art und etwa ein Dutzend Telefone. Wie sollte ich mich je daran gewöhnen? Lange wollte ich in diesem Büro nicht ausharren. "Wir bauen die für uns ganz neue und ungewöhnliche Begnadigungskommission auf und gehen wieder", dachte ich damals. Ein nicht vollendeter Roman, meine Frau und meine Tochter warteten auf mich.

Heute, da ich mich nach fast zehn Jahren Arbeit endlich von diesem Posten verabschiede, sitze ich noch einmal am Kopf des langen Tisches und blicke zurück. Die erste Sitzung der Kommission fiel zufällig auf Stalins Todestag am 5. März. Darin sahen wir ein gutes Zeichen. Die Runde sprach die obligaten Worte über den Dienst an der Gesellschaft und unserem Land, das an Brutalität unheilbar erkrankt ist. Dann machten wir uns sofort ans Lesen der Strafsachen, die uns, ich will das nicht verbergen, einen Schock versetzten: Gewalttäter, Mörder, Räuber - wie konnten wir mit ihnen überhaupt Mitleid haben?

Langsam haben wir gelernt mitzufühlen. Und sind dabei vielleicht selbst bessere Menschen geworden. Natürlich konnten wir uns an Blut nicht gewöhnen, nicht an grausame Gewalttaten, besonders gegen Frauen und Kinder. Aber wir haben gelernt, uns der Wehrlosen und Ausgestoßenen zu erbarmen, die vom Staat, der Miliz und den Gerichten für einen gestohlenen Sack Kartoffeln eingesperrt wurden. Diese Maschinerie, die noch mit den repressiven Gulag-Methoden arbeitet, bringt jährlich fünf Millionen Menschen hinter Gitter, in U-Haft oder ins Zuchthaus. Wir lasen ihre Dokumente auf grauem Papier aufmerksam durch und erkannten allmählich dahinter das unglückliche Russland - dem Trunk verfallen, ausgeplündert, belogen, durch den Gulag getrieben und unter die Räder der Geschichte geraten.

Nach den offiziellen Statistiken haben 95 Prozent der Bevölkerung gestohlen, aber die meisten von ihnen für das nackte Überleben, um sich selbst und die Kinder zu ernähren. Ich erinnere mich an eine Frau im Rentenalter, die ein paar Dutzend Mal im Gefängnis saß, weil sie immer etwas klaute: hier eine Handtasche, da ein Portemonnaie - das war ihr Leben. Unter den Stapeln von Strafsachen stießen wir auf einen Mann, der insgesamt 45 Jahre in Straflagern verbracht hatte. Seine Geschichte begann im Zweiten Weltkrieg mit einem gestohlenen Laib Brot. Er wurde zu 14 Jahren Haft verurteilt. Nach der Entlassung ging der Kreislauf so weiter. Das hätte um ein Haar auch mein Schicksal sein können. Auch ich habe im Krieg geklaut, einfach um vor Hunger nicht zu sterben. Wie hätte ich diesem Menschen gegenüber gleichgültig bleiben können!

Natürlich gab es brutale Mörder in den Strafakten auf unseren Schreibtischen.

Ihnen drohte die Todesstrafe. Aber seltsamerweise kamen diese Menschen stets aus den untersten sozialen Schichten: Traktoristen, Viehhirten, Heizer, Lastenträger. Kein einziger Mafioso, kein einziger Bandenchef war darunter!