Die zeit: Professor Lander, die Entschlüsselung des menschlichen Genoms ist ja hinreichend gefeiert worden. Können Sie uns nun einmal ein paar sichere Erkenntisse zu unserem Erbgut vorstellen?

Eric Lander: Da verlangen Sie etwas viel. Der letzte Satz in unserer Veröffentlichung des Humangenoms lautet: Je mehr wir über das Erbgut lernen, desto mehr Fragen tun sich auf. Das ist die einzige wahre Aussage, die wir im Moment über seine Arbeitsweise machen können. Ich entdecke mehr und mehr Rätsel im Genom ...

zeit: Welche denn?

Lander: Nun, ein Beispiel: Ein großer Teil des Erbguts besteht aus etwas, dass wir repetitive DNA nennen. Diese Abschnitte enthalten Informationen, die nach unserem Wissen nur einen Zweck haben: sich selbst zu vervielfältigen.

Das sind Parasiten - vermutlich uralte Viren, die in die Zellen unserer evolutionären Vorfahren gelangt sind. Und nun haben wir noch etwas Seltsameres entdeckt: Es gibt im Erbgut ähnliche Elemente, die ihrerseits als Parasiten von den Parasiten leben. Und das alles passiert in unseren Zellen.

zeit: Und bedeutet was?

Lander: Wissen wir nicht, aber es ist sicher nicht unbedeutend - die Hälfte unseres Erbguts besteht aus solchen parasitierenden Genelementen. Und wir haben noch etwas festgestellt: Diese genetischen Parasiten haben sich früher, bei unseren Vorfahren vor vielen Millionen Jahren, sehr schnell vermehrt, doch irgendwann war es damit vorbei. Das Ganze ist ein Rätsel.