Ich sehe mich in 50 Jahren. In meinem Traum hat meine Urenkelin längst geheiratet, zwei Kinder sind auch schon da. Die Liebe, sie lädt Freunde zum Abendessen ein, und mich, obwohl ich weiß Gott nun nicht mehr der Jüngste bin, lädt sie dazu!

Gekocht wird in dieser jungen Familie nur noch, wenn man Gäste erwartet. Wenn es festlich wird. Gemüse und Kräuter zieht meine Urenkelin oben auf ihrem Dach in einem kleinen Glashaus, das voll integriert ist ins Haussystem, geheizt mit Abwärme. Ihr Fleisch bezieht sie von einem Produzenten, mit dem sie per Internet in Kontakt steht. Der züchtet das Schwein genau nach ihren Anweisungen

so und nicht anders wird gefüttert, damit es den richtigen Geschmack ergibt.

Aus Bauern sind in den letzten Jahrzehnten Produzenten geworden, und davon gibt es zwei Arten: Für die einen ist Landwirtschaft Hobby. Durchaus profitabel soll das sein, aber das Geld steht nicht im Vordergrund. Denn diese Bauern sind keine Profis. Es sind Ärzte oder Anwälte, deren Alltag vom Bildschirm oder der Fernarbeit geprägt ist. Nach fünf Stunden am Computer ist ihre Lust groß, sich in der Natur zu beschäftigen. Auf dem Wochenmarkt verkaufen diese Hobbybauern ebenso gern wie per Internet. Alles wird frisch zugestellt, höchstens sechs Stunden nach der Ernte. Nicht billig. Aber gut zu essen ist im Jahre 2051 schick, ein Statussymbol. Die Hausfrau gibt mit ihrer Bezugsquelle an, die Damen im Kaffeehaus tratschen darüber, Produzenten werden als Geheimtipps gehandelt.

Unter der Woche lässt nicht nur meine Urenkelin das Kochen bleiben. Kinder und Job verschlingen zu viel Zeit. Doch praktisch jeder ordert seine kompletten Mahlzeiten, zwei Tage im Voraus. Sie sind, per Lebensmitteldesign, durch und durch auf persönliche Wünsche zugeschnitten. Vorbei die Zeiten, als man sich die Zutaten mühsam aus Regalen picken musste. Der Ehemann meiner Urenkelin ist Manager eines Freizeitparks, der früher mal ein Supermarkt war.

Beim Brot kann man auswählen, welche Vitamine es enthalten soll. Es wird nicht chemisch angereichert, sondern aus neuartigen Getreidesorten gebacken, die alle gewünschten Zusatzstoffe natürlich entwickeln. Gezüchtet werden diese Sorten mit Gentechnik. Überhaupt entstehen neue Pflanzen jetzt ausschließlich biotechnisch. Konventionell werden sie nur noch weiterentwickelt und vermehrt. Beim Designerlabor wird einfach in Auftrag gegeben: Mach mir eine Sonnenblume! Meine Urenkelin hat sich beispielsweise ein Öl ausgeguckt, das besonders leicht heiß wird. Einfach fabelhaft. Die Biotechnik wird streng kontrolliert, von Zertifizierungs- und Sicherheitsdiensten. Ein gewaltiger Aufwand. Aber auch jede Menge neuer Jobs.

Das Pflanzendesign erforderte auch neue medizinische Fächer. Interdisziplinär natürlich. Meine Urenkelin hat so eines studiert, ganz was Kompliziertes, ich kenn mich da gar nicht mehr aus. Bestimmten Pflanzen wurde beigebracht, zugleich als Pharmazeutikum zu dienen. Die Apotheke ist überflüssig geworden