Es gibt Dinge, die man nicht vergleichen kann, weil sie nichts oder zu wenig miteinander zu tun haben. So wenig wie Ben Becker mit einem Künstler zu tun hat. Wie Angela Merkel mit einer schönen Frau. Oder eben: So wenig wie das Fernsehen mit Kultur. Kultur im TV, das ist wie Bachs Badinerie auf dem Mobiltelefon.

Die gute Nachricht der vergangenen Woche: Das Literarische Quartett wird eingestellt. Die schlechte Nachricht: Marcel Reich-Ranicki, der dienstälteste Pausenclown beim ZDF, macht weiter - als Ganzalleinunterhalter. Aber nein, eigentlich sind diese Nachrichten weder gut noch schlecht, sie sind einfach nur egal. So egal, wie das Fernsehen insgesamt egal ist. Der Glaube, man könne über dieses Medium dem Volk Literatur, Bildung, Musik oder gar einen besseren Geschmack vermitteln, erweist sich mit jedem neuen Versuch als trügerisch. Und Ranickis Stolz, bei den Fernsehchefs eine Sendung "ganz ohne Filmchen" durchgesetzt zu haben, basierte von Anfang an auf einem Selbstbetrug. Denn auch beim Literarischen Quartett wollten die Zuschauer schauen und nicht lernen. So waren nicht die Bücher die Hauptfiguren der Sendung, sondern die Kritiker, die über sie befanden. Ein halbgebildetes, aber skandalgieriges Publikum wartete ungeduldig darauf, dass der Stellvertreter Goethes auf Erden endlich die Geduld verlöre und seiner Eitelkeit freien Lauf lasse.

So fragte man sich jedes Mal: Wann wird die Gischt von Reich-Ranickis Lippen den Kameramann erreichen? Ist Karasek heute nüchtern, oder hat er wenigstens eine saubere Krawatte an? Und wie werden sich Busche-Löffler-Radisch schlagen? Fragen, die mit Literatur nichts, mit Voyeurismus aber alles zu tun haben. Denn auch in der angeblich anspruchsvollsten Literatursendung des deutschen Fernsehens hat - wie in jeder beliebigen Talkshow - das Studio als Arena funktioniert. Ein Publikum, das sich vor Lachen ausschüttet, wenn es über einen Roman heißt, er sei "schrrräcklich langweilig", und das in die Buchhandlungen rennt, wenn ein Autor mit den Worten gelobt wird, "dieser Burrrsche hat Talänt", ein solches Publikum ist an Literatur nicht interessiert, sondern höchstens daran, mitreden zu können. So mag es zwar sein, dass ein von Ranicki gefeiertes Buch neue Käufer findet, dass es sich dabei auch um neue Leser handelt, darf bezweifelt werden. Dann jedenfalls, wenn das Buch etwas taugt. Und so ist es nicht schade um eine Sendung, in welcher der feuchte Kitsch einer Zeruya Shalev zu großer Literatur hochgeredet wurde und in der man über Fontane weniger erfuhr, als man aus Königs Erläuterungen sowieso schon wusste.

"Alles sollte so einfach wie möglich gemacht werden, aber nicht einfacher", sagte Albert Einstein. Genau das aber ist die Maßgabe des Fernsehens und seiner Kultursendungen: alles immer noch einfacher zu machen. Egal, ob Aspekte oder Kulturzeit, ob Kulturweltspiegel oder Das Literarische Quartett, was man hier geboten bekommt, ist selten mehr als Klatsch für die gehobenen Stände, Futter für die Trottel mit Abitur. Jedem Gegenstand nähert man sich mit dem Vokabular einer gängigen Allerweltsästhetik. Und so verwundert es nicht, dass die Moderatoren ein Kunstwerk am liebsten mit den Attributen "provozierend, irritierend, verstörend" beschreiben. Als würde man derweil nicht in jedem Volkshochschulkurs lernen, dass diese drei Worte niemals einem klugen Kopf entspringen, aber seit Jahrzehnten auf alle breiten Ärsche des Kulturbetriebes tätowiert worden sind. Dass man, wie Paul Valéry es forderte, sich bei den Malern entschuldigen müsse, wenn man es wage, über Malerei zu sprechen, diese Demut ist den Fernsehleuten wesensfremd.

Was schwierig ist und sein muss, wird bis zur Unkenntlichkeit simplifiziert.

Und was eh schon Pop ist, wird weiter popularisiert. Hier wird alles heruntergemümmelt auf den Bildungsstand des musisch Interessierten, der nach der Sendung nicht mehr wissen will, als er vorher schon nicht gewusst hat.

Der sich aber gerne mit dem Gefühl ins Bett legt, "angeregt" worden zu sein.