Diese da waren selber Mörder, sagt Mehmet Gavrancic * , Kripobeamter aus der bosnischen Stadt Kljuc. Er zeigt auf zwei Schädel mit einem Loch in der Schläfe. Serbische Irreguläre. Sie wurden von den eigenen Leuten umgebracht, weil sie zu viel über die Morde wussten. Die zwei Skelette liegen auf Packpapier in einer ehemaligen Lagerhalle am Rande der Stadt Sanski Most, neben ihnen die Militärhosen und -jacken, die die Soldaten trugen. Der ganze Boden der Halle ist mit Skeletten bedeckt.

Es sind zwei Serben und 17 Muslime, die im Sommer 1992 von bosnischen Serben exekutiert wurden. Sie stammen aus einem Massengrab, das der Kripobeamte Gavrancic im Frühjahr 2001 in einer Karsthöhle bei Drvar in Bosnien gefunden hat. Nach der Bergung brachte das Exhumierungsteam die grünlich verschimmelten Knochen nach Sanski Most. Die Anthropologin Ewa Klonowski und ein Gehilfe schrubbten sie und wuschen, was an Kleidern vorhanden war. Sie klebten zerborstene Schädel zusammen, ordneten die Skelette fein säuberlich.

Nur ein Knochenexperte ist in der Lage, die Schädel- und Knochenhaufen zu ordnen, die nach der Verwesung übereinander liegender Leichen entstehen. Nur ein Knochenexperte kann schätzen, wie alt diese Menschen bei ihrem Tod gewesen sind.

Oft stellt man Ewa Klonowski die Frage: Wie hältst du das nur aus? Sie sagt dann: Ich mache meinen Job wie jeder andere Gerichtsmediziner auch.

Die asketische Frau mit dem schlohweißen Haar arbeitet seit sechs Jahren in Bosnien-Herzegowina. Bisher hat sie 2000 Leichen exhumiert und für die Aufbahrung vorbereitet. Sechs Jahre nach dem Friedensschluss von Dayton tauchen in Bosnien immer noch unbekannte Opfer des Völkermords auf - in Höhlen und Bergwerken, Baugruben und Brunnenschächten, auf Friedhöfen und Müllhalden. Fast alle sind Muslime. Zwischen 1992 und 1995 wurden etwa 200 000 Bosnier muslimischer Konfession Opfer der ethnischen Säuberungen, des Völkermords. Bisher wurden mehr als 10 000 Tote entdeckt. Das ist etwa ein Drittel der offiziellen Vermisstenzahl. Nur 15 Prozent dieser Toten konnten identifiziert werden, die Quote ist rückläufig. Angehörige wandern aus, Zeugen sterben oder sind nicht mehr auffindbar. Oft wurden ganze Familien ausgelöscht, sodass es niemanden mehr gibt, der die Vermissten identifizieren könnte.

Wenn die Angehörigen Glück haben, erkennen sie ihre Toten an Zahnprothesen, an Goldzähnen und Kleidungsstücken, an verheilten Frakturen. Ewa Klonowski hilft ihnen dabei, unterhält sich lange mit ihnen. Die 54-Jährige hat eigens Serbokroatisch gelernt. Die in Polen geborene isländische Staatsbürgerin ist die einzige ausländische Mitarbeiterin der staatlichen muslimischen Vermisstenkommission. Eigentlich habe sie Archäologin werden wollen, sagt Ewa Klonowski. Weil das Fach an ihrem Heimatort Breslau nicht unterrichtet wurde, fiel ihre Wahl auf Anthropologie. Als sie und ihr Mann, ein Ingenieur, bei einer Auslandsreise 1981 von der Verhängung des Kriegsrechts durch General Jaruzelski überrascht wurden, beschlossen beide, im Ausland zu bleiben. Sie bekamen Arbeit in Island, der Ehemann eine Stelle als Techniker in einer Konservenfabrik. Ewa Klonowski wurde Autopsieassistentin in Reykjavøk.

Bei einem Stipendienaufenthalt in den USA spezialisierte sie sich auf forensische Anthropologie. Diese Disziplin war dort Anfang der siebziger Jahre begründet worden, um die Gerichtsmediziner zu entlasten, die mit der steigenden Zahl von unbekannten Toten überfordert waren, etwa den Opfern von Serienmördern. Ewa Klonowski ist eine Ausnahme