Am Morgen des 27. Juni waren Hunderte von pflegebedürftigen Menschen in Hessen und Nordrhein-Westfalen plötzlich sich selbst überlassen. Bei einer Großrazzia hatte die Polizei ihre Wohnungen gestürmt, 214 Pflegerinnen aus Osteuropa verhaftet und prompt abgeschoben. Die Frauen besaßen keine Arbeitserlaubnis. Für die Alten war die Abschiebung eine Katastrophe. Die Pflegerinnen hinterließen Lücken, die nicht zu schließen waren.

Die Aktion wirft ein Schlaglicht auf eine Form der illegalen Ausländerbeschäftigung, die in Deutschland weit verbreitet ist. Die meisten alten Menschen möchten in ihren eigenen vier Wänden sterben, doch keine deutsche Pflegerin wäre bereit, bei ihnen einzuziehen, damit sie bei Bedarf auch nachts helfen kann.

Für eine Betreuung rund um die Uhr müssten nach hiesigem Arbeitsrecht fünf Vollzeitkräfte beschäftigt werden: drei Schichten für werktags zuzüglich Wochenenddienste und Urlaubsvertretung. "Ich kenne Leute, die geben dafür privat 30 000 Mark im Monat aus", sagt Claus Fussek, Chef eines Münchner Pflegedienstes. Leisten können sich das nur die Reichsten - den anderen bleibt nur der Weg ins Heim.

Den aber wollen viele Deutsche ihren Eltern ersparen. Sie rufen die Nummern von osteuropäischen Vermittlungsagenturen an, die bundesweit unter der Hand kursieren. Dort kann man eine gelernte Krankenschwester ordern oder auch, für etwas weniger Geld, eine ungelernte Kraft. Auf einem Autobahn-Rastplatz kurz hinter der Grenze steigt die Frau dann zum verabredeten Zeitpunkt aus einem Kleinbus. Sie hat ein Besuchervisum und wird drei Monate lang bei dem Pflegebedürftigen wohnen. Danach verbringt sie drei Monate in ihrer Heimat und wird von einer Kollegin vertreten, bevor sie wiederkommt. 1700 oder 1800 Mark im Monat kostet sie, viele Angehörige zahlen freiwillig 2000 Mark.

Ein paar der Arbeitgeber, deren Pflegekraft bei der Razzia abgeschoben wurde, wollten ihre Polinnen gern offiziell anstellen und Steuern und Abgaben für sie bezahlen. 3500 Mark brutto wären dabei herausgekommen, das hätten sie auch bezahlt. Doch es gab keine Arbeitserlaubnis. "Das bringt mich in Harnisch - man kann beim Finanzamt alles paletti haben, dann kommt das Arbeitsamt und sagt: Njet! Weil wir angeblich hier genug Arbeitskräfte haben", sagt der Fernsehjournalist Frank Lehmann. Auch er geriet bei der Großrazzia ins Visier der Staatsanwaltschaft, weil er seinen 94-jährigen Schwiegervater von einer Slowakin versorgen ließ.

Seit er mit dem Fall an die Öffentlichkeit ging, erreichen ihn täglich Massen von Briefen, E-Mails und Anrufen. Er weiß von einer alten Dame, die fünf Jahre lang bestens von einer Polin versorgt wurde. Als die bei der Razzia verhaftet wurde, brachte ihr verzweifelter Sohn sie mit Mühe erst mal im Krankenhaus unter. Zwei Tage später war die alte Dame tot. Lehmanns Diagnose: "Todesursache: Polinnen-Entzug."

Fälle wie dieser haben Frank Lehmann darin bestärkt, einen Verein als Lobby für pflegebedürftige Alte zu gründen. Die Forderung: eine Green Card für Pflegekräfte im ambulanten Dienst. Die Nachfrage wäre immens - bei den pflegebedürftigen Deutschen wie bei den Helferinnen aus Osteuropa.