Kein abstürzender Aktienkurs bedroht den Job, keine Konjunkturflaute mindert die Nachfrage. Renate Ardelt hat einen sicheren Arbeitsplatz. Sie ist Altenpflegerin bei einem ambulanten Dienst. Keine Arbeit, um die sich Arbeitssuchende reißen, aber eine mit Wachstumspotenzial.

Der Dienstplan kalkuliert die Einsätze im Minutentakt. Morgens um halb sieben betritt Ardelt die Wohnung einer Frau, die an schwerem Rheuma leidet. Wecken, beim Aufstehen helfen, waschen, anziehen, zwischendurch den Toilettenstuhl leeren und die Waschmaschine füllen. Für Gespräche bleibt kaum Zeit. Genau 35 Minuten hat Schwester Renate, dann muss sie weiter.

Bis zum Mittag warten zwölf weitere Patienten. Der verwahrloste Alkoholiker mit den offenen Beinen, das über 80-jährige Ehepaar, das verwirrt im Chaos haust. Für die meisten Patienten sieht der Dienstplan 15 Minuten vor, abzüglich fünf bis sieben Minuten Fahrzeit. Jede Minute, die Renate Ardelt überzieht, macht den Einsatz für ihren Arbeitgeber unrentabel.

Einerseits steigt der Bedarf an ambulanter Pflege seit Jahren, künftig wird er explodieren. Andererseits gibt es nicht genügend Geld. 1,3 Millionen Menschen werden schon heute zu Hause versorgt. Einschließlich der Heimbewohner sind gut 1,9 Millionen pflegebedürftig, für 2040 erwarten Experten rund drei Millionen. Noch werden 70 Prozent der pflegebedürftigen Alten, die nicht in Heimen wohnen, im Familienkreis betreut. Doch immer weniger jüngere Menschen wollen das eigene Leben eines Tages ganz der Pflege der alten Eltern unterordnen: Wer nicht ins Heim übersiedeln will, wird auf ambulante Dienste angewiesen sein.

Goldene Zeiten also für Pflegefirmen - so scheint es jedenfalls. Seit Beginn der neunziger Jahre hat der boomende Markt massenhaft Existenzgründer angezogen. 1992 gab es 4000 Pflegedienste, bis Oktober 2000 hatte sich die Zahl mehr als verdreifacht. Privatunternehmen stellen inzwischen zwei Drittel der 13 000 Dienste.

Kein Wunder, dass Fachkräfte wie die Altenpflegerin Renate Ardelt gesucht sind. 184 000 Menschen arbeiten schon heute in den ambulanten Diensten.

Allerdings: Die ersten Existenzgründer geben bereits wieder auf, weil ihnen qualifizierte Mitarbeiter fehlen, weil sie zu klein sind, um effizient und kostengünstig arbeiten zu können, und eben weil es an Geld mangelt, um ihre Leistung angemessen zu bezahlen. Denn sie bieten Handarbeit pur, und die ist teuer in Deutschland - wenn man nicht schwarzarbeiten lässt (siehe unten stehenden Artikel).