Kaum war die Rakete mit der Marssonde 2001 Odyssey im Himmel über Cape Canaveral entschwunden, griff alles zum Champagner. Nur Ed Weiler knackte stattdessen eine Cola-Dose. Denn mit Bilderbuchstarts hat der oberste Weltraumforscher der Nasa so seine Erfahrung. "Champagner gibt's für mich erst, wenn das Ding ankommt und funktioniert", sagt er, "der Start hier ist höchstens eine Pepsi wert." Der fürchterliche Kater des Herbstes 1999, als die Nasa gleich zwei Marssonden in Folge verlor, steckt Weiler noch immer in den Knochen.

Erst ein paar Monate war er damals im Amt - einem der schwierigsten, das die Nasa zu vergeben hat. Sein Job ist es, unter Wissenschaftlern Politik zu machen und Politiker für langfristige Projekte zu begeistern, deren Nutzen sich in keinem Wirtschaftsindikator direkt niederschlägt. Eine heikle Aufgabe, zumal in Amerika. Wer verstehen will, woher der 51-Jährige die Energie und Chuzpe dazu nimmt, der kommt nicht an einer busgroßen Röhre vorbei, dem Hubble-Weltraumteleskop. Als originalgetreue Nachbildung hängt es im National Air and Space Museum in Washington. Ein paar Straßen weiter, in Weilers holzgetäfeltem Büro in der Nasa-Zentrale, steht ein etwas kleineres Modell. Immer wieder blickt er liebevoll zu ihm hinüber, wie zu einem kraftspendenden Andachtsbild.

"Jawohl, mein Teleskop", ruft er, "20 Jahre meines Lebens!" Hubble war Weilers Traum und Albtraum zugleich. Als Achtklässler baute sich der Arbeitersohn aus Chicago ein erstes Fernrohr und beschloss, Nasa-Astronom zu werden. Nach Physikstudium, Wehrdienst als Militärpolizist und kurzen Ausflügen in die Medien bekam er eine Postdoc-Stelle bei dem berühmten Physiker Lyman Spitzer in Princeton, dem geistigen Vater der Weltraumteleskope. Mit 29 wurde Weiler Programmwissenschaftler für das Hubble-Projekt und war damit eigentlich am Ziel.

Seinen heutigen Posten verdankt er nicht zuletzt einem Geschick, auf das er gern verzichtet hätte. Nach dem Start des Hubble-Teleskops 1990 stellte sich heraus, dass das eine Milliarde Dollar teure Gerät nur verschwommen sah - aufgrund eines Ingenieurfehlers, der kaum weniger peinlicher war, als die Ursachen für das Marsdebakel von 1999. So lernte Weiler Washington kennen, und zwar von seiner unangenehmsten Seite: Auf dem Capitol Hill nahmen ihn erzürnte Volksvertreter ins Gebet. "Was haben wir Prügel bezogen", erinnert er sich, "auch unter den Astronomen riefen welche: Schaltet das verflixte Ding ab!" Nicht wenige halten die Rettung des Hubble-Teleskops vor allem für Weilers Verdienst. "Nie habe ich jemanden so für ein Projekt kämpfen sehen", erinnert sich ein pensionierter Nasa-Mitarbeiter.

Weiler gewann. Der US-Kongress genehmigte das Geld, damit Astronauten dem Hubble-Teleskop eine Brille verpassen konnten. Fortan galt der kämpferische Astrophysiker bei den Nasa-Oberen als Forscher mit Durchsetzungsvermögen - vor allem auch unter seinesgleichen. Kaum sah Hubble endlich scharf, nötigte Weiler die zögernden Astronomen, den Bürgern unverzüglich eindrucksvolle Weltraumbilder zu präsentieren. Er wusste, warum. Als Student hatte er zeitweilig an eine Karriere als Wissenschaftsjournalist gedacht und einen Sommer lang bei einem Fernsehsender hospitiert. Die Macht der Bilder kennt er besser als viele Astronomen, von denen einige noch heute Farbaufnahmen von Himmelsobjekten für unseriös halten. Vielen geht Weilers Orientierung an der Öffentlichkeit allerdings manchmal zu weit. Bei sensationellen Befunden dekretiert er schon mal eine Vorabveröffentlichung per Pressekonferenz.

Gelegentlich ging das schon schief, und ein vermeintlicher neuer Planet entpuppte sich hernach als Hintergrundstern.

Aber Weiler ist hart im Nehmen. Kaum hatte ihn Nasa-Chef Dan Goldin nach Washington geholt, wurde er wieder ins Capitol zitiert - als politisch Verantwortlicher für die beiden Marspleiten, Sünden seiner Vorgänger. Weiler steckte es ein und räumt seither mit eisernem Besen auf. Dabei eckt der Mann aus Illinois nicht nur in Washington öfter an. Auch in den Nasa-Forschungszentren ist er mehr geachtet als beliebt. "Nett sein ist einfach", sagt der Wissenschaftsmanager "solange man nicht für ein Budget verantwortlich ist."