Die großen Alten Europas werden weniger. Wenige Wochen nach Italiens wortgewaltigem liberalkonservativem Publizisten Indro Montanelli ist dieser Tage dessen österreichisches Pendant, der katholisch-konservative Feuerkopf Otto Schulmeister, im Alter von 85 Jahren gestorben. Um ihn war es zuletzt still geworden, den Jungen war er kein Begriff mehr - umso stärker die Erinnerung der Älteren an den langjährigen Chefredakteur (1961 bis 1976) der seinerzeit noch etwas liberaleren Wiener Tageszeitung Die Presse. Der konservative Leitartikler und streitbare TV-Diskutant war der Bußprediger der ersten Großen Koalition in Wien (bis 1966), was ihm den Beinamen Kassandra eintrug. Er wurde zum Kritiker der kurzen Alleinregierung der christdemokratischen ÖVP, war interessierter Beobachter der unruhigen Jugend der sechziger Jahre und neugieriger Kommentator der Anfänge von Bruno Kreiskys Alleinregierung (1970 bis 1983). Mit ihm, dem liberalen Sozialdemokraten, der 1991 starb, und mit dem dritten Leuchtturm der Republik, dem heute 96 Jahre alten, immer noch rüstigen Kardinal Franz König, verband ihn eine respektvoll-distanzierte Sympathie, vielleicht sogar Freundschaft, die nicht ohne Einfluss auf die öffentliche Atmosphäre war - und wie sie heute, im Milieu der postmodernen Nachfolger, unvorstellbar ist.

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