Man nehme ein paar Machtmenschen aus der zweiten Reihe, das Berliner Sommerloch und einen Vorschlag, der eigentlich keiner ist, weil er längst im Gesetz verankert ist. Kann aus dieser Mixtur Sinnvolles entstehen? Zurzeit sieht es erstaunlicherweise danach aus. Im Streit um die Reform der Sozialhilfe geht es um die lang vernachlässigte Frage, was denn das richtige Maß von Rechten und Pflichten im Sozialstaat ist - und darum, wer überhaupt die Unterstützung der Solidargemeinschaft verdient.

Was Bundeskanzler Gerhard Schröder nur antippte, als er gegen ein "Recht auf Faulheit" wetterte, will der Vizechef der SPD, Rudolf Scharping, im Parteiprogramm festzurren: Sozialhilfeempfänger, die arbeitsfähig und jünger als 25 sind, sollen ihren Anspruch auf Unterstützung komplett verlieren, wenn sie mehrfach angebotene Jobs ablehnen. Der Staat soll im Gegenzug die Betreuung der Problemfälle verbessern. Die Union nimmt vergleichbare Vorschläge des hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch in ihr Kommissionspapier zur Neuen Sozialen Marktwirtschaft auf, das kommende Woche vorgestellt wird. Der Dritte Weg der Blairisten von welfare zu workfare wird plötzlich wieder eingedeutscht.

Man kann das als Populismus-Wettbewerb oder als Ablenkungsmanöver angesichts sattsam beklagter Tatenlosigkeit sehen. Oder als rhetorische Lockerungsübungen für die unvermeidlichen Aufgaben nach der nächsten Wahl.

Auf jeden Fall beherrscht wieder ein Ton die Sozialstaatsdiskussion, der lange nicht mehr zu hören war. Plötzlich sind Begriffe wie "Pflicht" und "Verzicht" allgegenwärtig, fast wie zur Zeit von Sparpaket und Steuerreform, als ständig von der "Wende zum Weniger" die Rede war. Und vor allem darauf kommt es in diesen Tagen des Stillstands an.

Natürlich hat der sommerliche Sozialhilfewirbel absurde Facetten. Die Wende ist in Wahrheit keine. Roland Koch und Rudolf Scharping fordern fleißig, was längst geschieht: Sozial- und Arbeitsämter können heute schon die Unterstützung für Arbeitsunwillige kürzen oder streichen. Anderseits: Die große Mehrheit der 2,8 Millionen Hilfeempfänger steht dem Arbeitsmarkt nicht wirklich zur Verfügung. Nur etwa 700 000 von ihnen gelten als arbeitsfähig, und etwa die Hälfte davon bekommt heute schon von kommunalen Vermittlern eine Stelle angeboten.

Schließlich ist die Debatte auch ein Kind von Eitelkeiten und innerparteilichen Hahnenkämpfen. Gewiss genießt es Roland Koch, die sommerreisende Angela Merkel zur Nebendarstellerin zu degradieren. Rudolf Scharping handelte nicht etwa nach heimlicher Absprache mit dem Bundeskanzler, im Gegenteil. Über Scharpings Vorstoß war man im Kanzleramt not amused. Und über Koch? Schröder höhnt über das "Sommertheater eines Ministerpräsidenten", der bei der SPD "abgeguckt habe".

Stillstandskanzler Schröder selbst steht allerdings kaum besser da. Und doch: Gerade weil es ohnehin gesetzlich nicht viel zu regeln gibt, tut die Debatte gut. Denn diesmal geht es weniger um die Praxis als um das Prinzip, genauer: um zwei Prinzipien. Der Grundgedanke, dass im modernen Sozialstaat der Einzelne auch Pflichten hat, ist längst noch nicht in den Köpfen der Menschen angekommen. Dabei geht es vor allem um die Pflicht, für sich selbst zu sorgen, wenn dies halbwegs zumutbar ist.