Das Ende war bereits abgemacht. Nur noch wenige Jahre, raunten die Prognostiker, und die Stadt, wie wir sie kennen, wäre ausgedörrt, abgemagert, aller Kraft beraubt. Die alten Zentren ersetzt durch neue Arenen des Globalkapitals, durch machtvolle Urban Entertainment Center (UEC), in denen die Menschen wohnen, einkaufen, sich vergnügen, sogar arbeiten sollten.

Tatsächlich war ein gutes Dutzend dieser pseudourbanen Inselwelten auch geplant, das ist nur zwei, drei Jahre her. Die Furcht der Stadtvisionäre war also berechtigt. Keiner ihrer Albträume aber wurde gebaut.

Weder in Frankfurt noch in Leipzig will man heute von der Zauberformel UEC noch etwas wissen. Zerknirscht mussten die Investoren erkennen, dass selbst im Osten viele Leute die immergleichen Fix-und-fertig-Paradiese nicht mehr sehen mögen und der Bedarf an aseptischem Konsumglück offenbar gedeckt ist.

Einzig in Österreich glaubt man weiterhin an den Erfolg der Großmonaden und eröffnet in dieser Woche das erste UEC Europas.

Es ist eine Premiere im Überall und Nirgendwo: Einzig an den Autoschildern lässt sich ausmachen, dass man sich hier nicht im Industriegürtel Detroits oder Bordeaux' befindet, sondern in Wien, im Vorort Simmering. Gewaltige Blechhallen stehen in der Gegend herum, dazwischen die Weite der Parkplätze, im Hintergrund Schlote eines Kraftwerks. Wohl jede Stadt hat solche Orte, an denen einfach nur abgestellt wird, was gerade nützlich ist. So war es auch, als man vor hundert Jahren an dieser Stelle schon einmal eine Europapremiere feierte: Damals baute Wien das größte Gaswerk des Kontinents, um sich von Knebelverträgen englischer Lieferanten zu befreien. Auf offenem Feld wurden vier großbauchige Gasometer von 70 Meter Höhe errichtet - städtische Trutztürme des Industriezeitalters.

Seit 15 Jahren sind sie nicht mehr im Betrieb, gebraucht werden sie aber weiterhin, diesmal um der Digital- und Dienstleistungsepoche eine Hülle zu geben. Vor allem ihre Aura des Authentischen ist bei den Managern der nun eröffneten Kunstwelt G-Town gefragt, denn nichts fürchten sie mehr als die Kälte des aus dem Nichts Geborenen. Auch das Ortlose braucht seinen Ort, auch das Geschichtslose eine Geschichte, und deshalb wurde fast das gesamte UEC in die schmucken Gasometer hineingepresst. Eine gigantische Einkaufsstraße verbindet jetzt die Rundbauten (Architekt Martin Kiekenap), über 800 Wohnungen und 11 000 Quadratmeter Büroraum brachte man unter, dazu Parkplätze en masse, das Stadtarchiv, ein Studentenheim und eine Konzerthalle für mehr als 3000 Besucher. Einzig für ein Großkino mit 16 Sälen und den obligatorischen Kneipen fand sich kein Platz, es wurde in einen Glasbau gleich nebenan ausgelagert und durch Brücken an die Gasometer angedockt.

Entstanden ist eine Stadt in der Stadt, ein kompaktes, dichtes, durchmischtes Quartier, das man anders als die klassischen Einkaufszentren zu keiner Tageszeit mehr verlassen muss. Fast könnte man meinen, dies sei nun die Zukunft der Stadt, eine neue Urbanität, wie sie von den meisten Planern beschworen wird. Der Traum, selbst dem völlig zerfledderten Niemandsland der Vorstädte wieder Leben einzuhauchen, scheint sich hier zu erfüllen. Wer allerdings genauer hinsieht, erkennt in der G-Town ein Ghetto, eine städtische Sonderzone, in der man Familien, alte und arme Menschen lieber nicht haben will, erst recht nicht, wenn sie aus dem Ausland kommen. Einen öffentlichen Raum, der für alle offen steht, sucht man in der G-Town vergeblich - in dieser Stadt herrscht Hausrecht.