Eigentlich war's das schon. Mehr ging nicht. Sie hatte an Robert De Niros Daumen gelutscht. Unschuldig wie ein kleines Mädchen, das einen Lolli leckt, aber doch mit diesem Wissen. Eine Golden-Globe- und eine Oscar-Nominierung bekam Juliette Lewis dafür. Sie war 18 Jahre alt, und obwohl sie keine der beiden Trophäen gewann, schien sie damals, 1992, den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht zu haben.

Die Kritiker stritten darüber, ob Juliette Lewis tatsächlich eine begnadete Schauspielerin sei oder ob sie bloß trickse. Die Rolle des Teenagers in Cape Fear, dessen Vater von einem Exhäftling (De Niro) terrorisiert wird, verlangte von ihr außer der Daumenszene kaum mehr

gerade noch, bockig auf den vollen Lippen herumzukauen. Ein Jahr später, als Literaturstudentin in Woody Allens Husbands and Wives, kaute sie wieder und fummelte dazu an ihren Haaren herum. Genug Kleinmädchen-Erotik immerhin, um Allen aus dem Häuschen zu bringen.

Anfang der Neunziger war Juliette Lewis der Gegenentwurf zur Elfe Winona Ryder: Winona flatterte wie ein Nymphchen durch ihre Filme - Juliette stakste als gestörte Lolita herum, knochig, mit Beinen wie brüchige Äste, strubbeligen Haaren und dazu diesem runden Mund. Sie sah einfach aus, als würde sie sich dauernd blaue Flecke holen.

Mit 14 hatte sie sich für volljährig erklären lassen. Nicht, um vor einer kaputten Familie zu fliehen. Zwar hatten sich die Eltern scheiden lassen, als sie zwei Jahre alt war, dennoch, versicherte Lewis besorgten Journalisten, habe sie eine schöne Kindheit gehabt. Durch die Volljährigkeit konnte sie die scharfen amerikanischen Kinderarbeitsgesetze umgehen - durchaus üblich bei minderjährigen Darstellern in Hollywood.

Ihre ersten professionellen Fernsehrollen spielte Juliette mit 12. Als sie 16 war, verliebte sie sich bei den Dreharbeiten zu dem TV-Film Too young to die?

in ihren Schauspielerkollegen. Der war zehn Jahre älter als sie, fast beleidigend hübsch und hieß Brad Pitt. Sie liebte ihn, weil er perfekt organisiert war. Sie hasste an ihm, dass er selbst nach einer durchfeierten Nacht duftig und frisch aussah.