Ein originelles Drama: In der zweiten Szene wird erzählt, daß in der ersten nichts vorgefallen ist

in der dritten, daß man dies in der zweiten erzählt hat, und so zu Ende.

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Das Überraschende an diesem wahrhaft "originellen Drama" ist der Name des Verfassers - also die Entstehungszeit: vor anderthalb Jahrhunderten. So was tut man doch nicht, galt damals als Devise. So was wagt man nicht einmal zu denken in einer Zeit, da nationale Dramen, bürgerliche Tragödien auf dem Spielplan standen, auch solche unseres Autors. Er hat das kürzeste seiner oft ausschweifenden Dramen denn auch in den lebenslang geführten Tagebüchern, dem "Notenbuch meines Herzens", versteckt. Aber ist der kühne Einfall nicht doch ganz Teil seines Wesens? Zwar rühmt Franz Mehring, "daß die zweite Hälfte des Jahrhunderts kein dichterisches Ingenium gesehen hat, das sich mit ihm vergleichen ließe", doch werden andere - Verehrer! - von Theater und Universität nicht müde, auf das "Zusammengedachte", "Gemachte und Geklügelte" seines Gesamtwerkes aufmerksam zu machen, von dem Gerhart Hauptmann mit bewunderndem Schrecken meint: "Man unterscheidet nicht, ob Weißglut oder Weltraumkälte." -is

Auflösung aus Nr. 34: Friedrich Hölderlin