Als hätte er nicht ein sündig-himmlisches Stück Musik vorgelegt, das seinen Auftraggeber und die fromme Gemeinde zu irritiertem Summen brachte, kraulte Gioacchino Rossini (1792 bis 1868) auch dem lieben Gott den Bart. Widmung am Ende der Partitur: "Voilà, nun ist diese arme kleine Messe beendet. Wenig Wissenschaft, ein bisschen Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und gewähre mir das Paradies." Nie erfuhr die Nachwelt, ob seitens des Elysiums diese Anrufung erhört wurde. Vielleicht hat ER den Verfasser nach dessen Hingang nicht zu den Komponisten, sondern zu den Köchen gesteckt. Nicht unklug: Rossini, der Schmecklecker, liebte Töpfe aller Art.

Hienieden wurde über Rossinis Petite Messe solennelle lange gerätselt, nicht nur bei den römischen Verwesern einer gottesfürchtigen Kirchenmusik. Bei der Pariser Uraufführung im Jahr 1864 sangen einzig vier Solisten und acht Choristen

Rossini nannte sie seine "zwölf Cherubinen" und verglich sie, sardonisch lächelnd, mit den zwölf Jüngern in Leonardo da Vincis Abendmahl.

Dazu bizarre Begleitklänge: zwei knöchrige Klaviere und das näselnd atmende Harmonium. Mehr Instrumente passten allerdings auch nicht in die Privatkapelle von Graf Michel-Frédéric Pillet-Will.

Und dann diese schmeichelnden, schwellenden Melodien: Diese Messe ist, wie der Opernfuchs Rossini ahnte, eine Versuchung. Sie spielt mit dem ehrwürdigen kontrapunktischen Handwerk der alten Meister, um es gleich mit sinnlichen Kantilenen zu überwölben. Schunkelndes paart sie mit Stretta-Schwung. Banalen Akkordräumen weicht sie bisweilen in kühne harmonische Seitenflügel aus. Zwei swingende Fugen türmt sie zu höchster polyphoner Dichte, um das Agnus Dei wie das Finale einer heroischen Oper zu inszenieren, bei dem - Altsolistin inbrünstig entschwunden, Chor schweigend - nur die tappende, wortlose Verklärung auf den schwarzweißen Tasten übrig bleibt. Allerdings in E-Dur.

Das tröstet.

Der überirdisch singende RIAS-Kammerchor unter Marcus Creed und drei Assistenten an historischen Pleyel-Klavieren und am Harmonium führen die Musik auf (harmonia mundi France 901724, Vertrieb: Helikon), als sei sie der Soundtrack zur Brotvermehrung. Aus der Armenküche eine raffinierte Speise fürs Volk zaubern - auf diese Rezeptur Rossinis verstehen sich die Musiker: Dabei wird auch im Solistenquartett (Krassimira Stoyanova, Birgit Remmert, Steve Davislim, Hanno Müller-Brachmann) so cherubinisch gesungen, als habe man Rossinis sarkastische Warnung, seine Messe sei "nichts für Deutsche", überlesen. Drei Sterne nach Berlin!