Weiß Harald Schmidt denn, wen er da jeden Abend übersieht? Wenn er auf das musikalische Chamäleon Helmut Zerlett zusteuert, stehen am Bühnenrand Trompete und Saxofon, unerwähnt und rechts liegen gelassen, keinen Scherz gönnt er ihnen, um sie endlich in den Late Night-Olymp aufzunehmen. Würde er sie kennen, riefe er vielleicht: "The man of a thousand faces - Dirk Raulf!"

und "The master of German trumpet - Thomas Heberer!".

Vor fünf Jahren erschien, in schlichte graue Pappe verpackt, eine Brief-CD: Teatime, Musik-Sampler eines Kölner Kreises, wo das Hörspiel ebenso zu Hause ist wie Jazz, elektrische Avantgarde wie experimentelle Popmusik.

Herausgegeben von Dirk Raulf und dem Elektroniker Frank Schulte auf dem Label Poise (hausvertrieben über www.poise.de oder Jazzhausmusik Köln). Regelmäßig wie liebe Grüße aus einer Parallelwelt tauchen seitdem diese grauen Pappen auf: Hallo, wir leben noch! Höchste Zeit und dringender Grund, dem Bildschirm zuzuwinken: Nummer 7, Kompositionen fürs Theater von Dirk Raulf - Theater I, Nummer 8: Thomas Heberers Soloprojekt für Trompete und Beats unter dem Namen T.O.M. - Stella.

Thomas Heberer gibt sich die Zeit und den Raum, um seinen Ton in Ruhe reifen und stehen zu lassen. Über dem gleichmäßigen Puls von Beats, die sich in kleinen Melodien abarbeiten, liegen die spärlichen Töne der Trompete, ein Konzept, das seit Miles Davis schon zum Genre wurde. Doch es sind nicht die synthetischen Schlagzeug-Schleifen, die Stella von der Konfektionsware abheben, es ist Heberers körniger Ton. Kurz angestoßen und lange gehalten, verkörpert er eine beinah altmodische Tonhaltung, eine Transformation des Armstrongschen Melodie-Ideals in die Welt der rhythmischen Trance, der elektronischen Drums 'n' Beats. Manchmal erinnert er an den rauen, dreckigen Ton von Tomasz Stankos Peyotl-Witkacy-Hommage, dann an die Ökonomie der lyrischen Trompete Jon Hassells, manchmal an eine Pop-Neufassung der Sketches Of Spain. Muss man die Forderung nach einem guten Regisseur oder Produzenten wiederholen (Heberers letzter CD Kill Yr Darlins fehlte ein solcher dringend)? Soll man darauf hinweisen, dass den vielschichtigen Theatermusiken von Dirk Raulf - zwischen TripHop, fernöstlichem Gitarrengeplänkel, den schwebenden Tonblasen der Bassklarinette oder Kaffeehaus changierend - der lange Atem fehlt und sie bei aller Schönheit doch das Ennui eines Kaleidoskops besitzen? Mitten in Klein Köln-Hollywood werden große Talente alt, während anderswo schicke Trompeter saisonal ihr Image wechseln. T.O.M., übernehmen Sie!