Der Zähler läuft, sobald der Truck auf die Autobahn fährt. Doch vom großen Wegelagerer sieht der Trucker nichts. Eine kleine schwarze Kiste, versteckt zwischen Heizungsschläuchen und Pollenfilter, schickt dem zentralen Mautrechner des Bundesverkehrsministers eine kleine Nachricht. Inhalt: Identifikationsnummer und Autobahnauffahrt. 600 Kilometer später, bei der Abfahrt, kommt die nächste Meldung. Der Zentralrechner zählt die gefahrenen Kilometer, errechnet die fällige Maut und bucht online vom Konto des Spediteurs ab.

Die neue Welt des Mautkassierens in voller Fahrt soll, so will es die Regierung, 2003 als Weltneuheit in Deutschland eingeführt und sogleich zum Exportschlager werden. Während in manchen Mittelmeerländern noch echte Menschen in kleinen Kassenhäuschen sitzen und Wechselgeld herausgeben, soll es hierzulande nicht einmal mehr die bekannten automatischen Erfassungsstationen (telepeage, telepass) geben. Die beiden verbliebenen Konsortien, die sich um den Zuschlag für Aufbau und Betrieb des deutschen Mauterfassungssystems bewerben, werden nämlich von Mobilfunkbetreibern dominiert: von der Deutschen Telekom und Vodafone. Und die haben große Pläne mit der satellitengestützten Mautkasse.

Die schwarze Kiste, genannt On Board Unit (OBU), kann nicht nur Autobahnbenutzer verpetzen, sondern den Fuhrunternehmen auch nützlich sein.

Das Gerät besteht aus einem Empfänger und einem Sender. Es empfängt wie alle gebräuchlichen Satelliten-Navigationsgeräte die Signale der Satelliten, mit denen das amerikanische Navigationssystem GSM arbeitet. So lässt sich auf wenige Meter genau der Standort bestimmen. Füttert man die Kiste noch mit den Daten eines digitalisierten Straßenatlas, kann sie unterscheiden, ob das Fahrzeug auf einer Autobahn oder einer direkt daneben verlaufenden Bundesstraße unterwegs ist. Das Ergebnis gibt sie über Mobilfunk weiter. Nun ist es ein Leichtes, beliebig viele weitere Daten, die in einem modernen, vollelektronischen Nutzfahrzeug so anfallen, anzuhängen. Was dem Trucker, der keine Pinkelpause mehr geheim halten kann, ein Graus ist, freut seinen Chef: Der Spediteur kann nicht nur am Bildschirm verfolgen, wo seine Lkw unterwegs sind, sondern auch online den Öldruck beobachten, Geschwindigkeit und Beladung kontrollieren und den nächsten Servicetermin abrufen.

Die universelle Einsetzbarkeit eines satellitengestützten Mauterfassungssystems macht die Sache noch charmanter. Eine winzige Softwareanpassung - und auch Bundesstraßen würden Geld kosten. Schickt OBU auch die Uhrzeit mit, könnten die Verkehrsplaner sogar bestimmte Strecken zu Stoßzeiten kurzerhand verteuern. Übrigens nicht nur für Lastwagen. Im Hintergrund solcher Überlegungen steht die Idee, das Verursacherprinzip auf den gesamten Straßenverkehr auszudehnen. Für diese streckenabhängige Maut auch für Pkw hat sich zum Beispiel Nordrhein-Westfalens Landesvater Wolfgang Clement ausgesprochen.

Akribisch dokumentierte und archivierte Fahrwege sämtlicher Verkehrsteilnehmer - das hieße allerdings Big Brother im Straßenverkehr. Dass die Lkw-Maut eventuell nur ein Testlauf für die flächendeckende Überwachung des gesamten Straßenverkehrs sein könnte, schwant inzwischen auch dem Bundesbeauftragten für den Datenschutz. "Speditionen sind zwar keine natürlichen Personen und mithin nicht Schutzbetroffene des Datenschutzgesetzes", betont Sprecher Peter Büttgen. Und OBU sollte den Namen des Fahrers eigentlich nicht kennen. Trotzdem würden die Datenschützer gern an den Planungen beteiligt werden. Außerdem gibt es heute schon den "selbst fahrenden Unternehmer" im Einmannbetrieb, von dem umfangreiche Bewegungsprofile abgespeichert würden. Der Datenschutzbeauftragte sähe es am liebsten, wenn die Fahrzeugdaten gleich nach dem Bezahlen gelöscht würden.

Doch ähnlich wie bei der Telefonrechnung sind Streitigkeiten um zu Unrecht eingezogene Maut zu erwarten