Erfreuliches ist zu vermelden. Nach Genua ist auch bei Daniel Cohn-Bendit und Claudia Roth angekommen: Die Globalisierungskritiker sind die neue soziale Bewegung des angehenden Jahrzehnts. Und Teile der Grünen, einst angetreten als parlamentarischer Arm der sozialen Bewegungen der Achtziger, merken mit Entsetzen, dass dieser Zug ohne sie fährt. Der letzte Bezug zur Basis droht verloren zu gehen. Nun mühen sich die Grünen um Öffnung gegenüber der Bewegung, und Cohn-Bendit lehnt sich besonders weit aus dem Fenster (siehe ZEIT Nr. 34/01).

Die internationale Bewegung Attac ist oberster Adressat der grünen Umarmungswelle. Dabei blendet die Partei jedoch aus, dass zwischen ihren Positionen und denen von Attac Welten liegen. Ein Blick in den Entwurf des neuen Grundsatzprogramms genügt. "So viel Markt wie möglich", heißt es dort.

Eine umverteilende und die Ungerechtigkeiten des kapitalistischen Marktsystems ausgleichende Wirtschaftspolitik kommt immer mehr unter die Räder. Die Haushalts- und Finanzpolitik der Bundestagsfraktion wird zunehmend von Marktliberalen bestimmt, etwa bei der rot-grünen Steuerreform, bei der sie die Spitzensteuersätze noch stärker senken wollte und die steuerliche Freistellung der Veräußerungsgewinne von Kapitalgesellschaften mittrug.

Das gleiche Bild bietet sich bei den grünen Reformvorschlägen für die sozialen Sicherungssysteme. Privatisierung gilt als Patentrezept, deren Kehrseiten werden ausgeblendet. Bei der Rentenreform geht die paritätische Umlagefinanzierung verloren, das deutsche Gesundheitssystem droht zu einer Zweiklassenmedizin zu verkommen. Gleichzeitig werden die Renten dem Auf und Ab der internationalen Finanzmärkte ausgeliefert. Und wenn Joschka Fischer die völlig unzureichende Schuldenstreichung, die in Genua von der G-8 beschlossen wurde, als Erfolg grüner Politik anpreist, so erinnert dies an die Rhetorik des grünen "Erfolgsprojekts" Atomausstieg.

Eine Kooperation der Globalisierungskritiker mit den Grünen kommt nicht infrage, solange die Partei nicht mit ihrer zunehmend neoliberalen Wirtschaftspolitik bricht. Die Noch-sechs-Prozent-Partei wird erst dann wieder Boden unter die Füße bekommen, wenn sie nicht mehr mit trüben Aussichten in liberalen Fahrwassern zu fischen versucht. Grüne Wirtschaftspolitik muss zum Ziel haben, dass die internationalen Märkte für Kapital, Güter und Dienstleistungen nicht den Interessen weniger dienen, sondern wieder in erster Linie der Mehrheit der Menschheit. Politik darf nicht dem Diktat der internationalen Finanzmärkte unterliegen, sondern muss sich Gestaltungsspielräume zurückerobern. Attac fordert eine demokratische Regulierung der internationalen Finanzmärkte, mit dem ersten Schritt der Einführung einer Steuer auf internationale Finanztransaktionen (Tobin-Steuer), eine grundlegende Entschuldung der Entwicklungsländer, die Schließung von Steueroasen und eine faire Besteuerung von Konzerngewinnen.

Wenn die Grünen für die Globalisierungskritiker interessant werden wollen, müssen sie diese Forderungen zu ihren zentralen Themen machen. Anderenfalls finden sich die Partei und deren Amts- und Mandatsträger bald dort wieder, wo sie einmal herkamen - auf der Straße.

Der Autor ist Diplombiologe und Mitarbeiter der Geschäftsstelle von Attac Deutschland