Es gibt Tänzer, die tanzen, und Tänzer, die turnen. Die einen drücken sich aus. Die anderen führen das Vokabular einer Bewegungssprache bloß vor, zeigen ihre Choreografie wie einen Handstand. Im Ballet Victor Ullate gibt es nur Tänzer der ersten Kategorie. Höhepunkt also zur Halbzeit des elften Kunstfestes Weimar (bis 2. September, www.kunstfest-weimar.de): Das spanische Ensemble bewies, dass in jeglichem Genre, in der Folklore wie im Jazz-Dance, die Beherrschung einer Technik nur der erste Schritt sein darf. Nebenbei konnte man sehen, was Modern Dance im Unterschied zum klassischen Tanz bedeutet, nämlich den Raum zwischen Pose und Pose zu durchmessen.

Natürlich kommen auch die Ullates aus der Turnhalle, anders wären die hohen Drehsprünge, die kompliziert verbundenen Rondes und Battements unmöglich.

Doch hier entsteht Tempo nicht aus Eile, sondern aus Energie. Und anders als im alten Ballettstangensport oder beim kalkulierten Herumtorkeln manchen Tanztheaters lebt das inszenierte Bild von der Ausdruckskraft des Einzelnen.

Jede Berührung ein Impuls, jede Entfernung ein Spannungsbogen. Die schnellen Choreografien sind komplex, verspielt und vor allem erotisch, schließlich stammen sie vom Flamenco ab.

Aber Victor Ullate zeigt, wie man sich von der Tradition, vom Volkstümlichen und in diesem Fall vom Nationalklischee emanzipiert, ohne die eigene Herkunft zu verleugnen. - Welche andere Fähigkeit würde in Weimar dringender gebraucht? Schon deshalb muss das Kunstfest weiter stattfinden: Damit es in der Kulturstadt Kultur gibt, die aus einem jüngeren als dem vorletzten Jahrhundert datiert. Damit das Deutsche, das hier zu "Deutscher Eiche", Deutscher Dichtung und Reiterstandbild erstarrt ist, von Entlegenerem erschüttert wird als von Goethes Italienischer Reise. Damit uns nicht zu wohl wird in der Reichshauptstadt der Behaglichkeit. Denn Weimar ist auch in diesem Sommer wieder beängstigend schmuck. Jede Hauswand Platz für einen Sinnspruch, aber im Stadtplan das Gau-Forum verschwiegen. Den Leuten auf den Kunstfest-Plakaten sind Papierkörbe über den Kopf gestülpt: Was man da wohl nicht sehen will? Buchenwald?

Mit der Sichtbarkeit hat es hier ohnehin besondere Bewandtnis: Das strukturschwache Thüringen versteckt sich schamhaft hinterm repräsentativen Weimar (notfalls noch hinter Jena und Erfurt). Am verknappten Kunstfest-Etat lässt sich allerdings erahnen, was draußen im Lande fehlt. Ein prominentes Gastspiel musste gestrichen werden, weil sonst das Geld für die Wiederbespielung der Viehauktionshalle nicht gereicht hätte, Tanzboden des Festivalschwerpunkts Ballett. Dort konnte man neulich, während im Nationaltheater Lohengrin auftrat, das Ballet Victor Ullate feiern. Dieses Wochenende tanzt die israelische Kibbuz Contemporary Dance Company. Gut, dass Weimar seine Viehauktionshalle hat. Denn das Alte pflegen ist Pflicht, etwas Neues erfinden Kür. Erst kommt das Nachturnen, aber dann das Vortanzen, und auch in einer sportlichen Nation sollte es ein paar Künstler geben.