In Berlin wird man nervös, das Auswärtige Amt weist am 29. Mai 1890 den Botschafter in London erneut darauf hin, "daß der Besitz von Helgoland ... für uns von größter Bedeutung und weitaus der wichtigste Gegenstand bei der ganzen jetzt schwebenden Verhandlung" sei. Auch teile der Kaiser die Ansicht des Reichskanzlers, "daß ohne Helgoland der Nordostseekanal keine Bedeutung für unsere Flotte" habe.

Botschafter Paul Graf von Hatzfeldt behält in London indes den Überblick, er empfehle es gerade deshalb nicht, Lord Salisbury über die "wahre Bedeutung" Helgolands für das Reich "zu früh aufzuklären". Premierminister Salisbury hatte in den Verhandlungen über einen kolonialen Interessenausgleich Helgoland angeboten, wenn Deutschland dafür Großbritannien unter anderem das Protektorat über die Insel Sansibar vor der ostafrikanischen Küste zugestehen würde. Die Kontrolle dieses Handelsplatzes ist dem Premier wichtiger als der für England nutzlos gewordene Felsen in der Nordsee.

Achtzig Jahre zuvor, 1807, hatten die Briten die damals dänische Insel im Kampf gegen Napoleon und die Kontinentalsperre erobert und im Kieler Frieden behalten. "Was aber England mit Helgoland will, wird sich bei jedem Krieg mit dem Continent zeigen", schrieb 1846 Theodor Mügge. Auch spekulierte der Berliner Schriftsteller bereits über die Anlage eines Hafens, "in welchem die größten Kriegsschiffe ankern können. Darum ist der Besitz Helgolands keineswegs ein so unwichtiger wie es scheint." Vor allem aber weist er auf die Schmach hin, dass die Flagge Englands "so dicht vor der Elbmündung" wehe.

Im Revolutionsjahr 1848 dann konnte man in einem Plädoyer für eine "deutsche Kriegsflotte" die Klage lesen, die Engländer hätten die "deutsche Insel Helgoland" entwendet, "unser deutsches Gibraltar".

In der Tat, die strategische Bedeutung Helgolands für die Deutsche Bucht war nicht zu übersehen. 1864, während des deutsch-dänischen Krieges, fand in Sichtweite der Insel ein Seegefecht statt, 1870 erschien hier eine französische Flotte und bedrohte die deutschen Küsten. Seitdem gab es immer wieder Versuche, Helgoland in deutsche Hände zu bringen. Auch Reichskanzler Otto von Bismarck wünschte sich 1884 "diese urdeutsche Insel" im Besitz des Reiches, und der damalige Botschafter in London schrieb zustimmend bereits von einem "Vorposten im Kriege". 1889 strich der Staatssekretär des Auswärtigen, Herbert von Bismarck, dem Vater gegenüber den Wert Helgolands für "kriegerische Eventualitäten" heraus. Die Militarisierung der rauen Frieseninsel begann sich erstmals abzuzeichnen ...

Mit dem deutsch-britischen Vertrag vom 1. Juli 1890 wurde Helgoland in die Weltpolitik hineingezogen. Der neue Reichskanzler Georg Leo von Caprivi wollte nicht nur koloniale Differenzen in Afrika ausräumen, sondern Großbritannien näher an den Dreibund (Deutschland, Italien, Österreich-Ungarn) heranführen, da nach Bismarcks Abgang der Rückversicherungsvertrag mit Russland nicht verlängert worden war. Doch Caprivi erreichte eher das Gegenteil. Das Helgoland-Sansibar-Abkommen verstärkte noch die antienglischen Ressentiments und führte zur Gründung des extrem nationalistischen Alldeutschen Verbandes. Auch Altkanzler Bismarck war nicht erbaut, zwar liege im Besitz des Felsens "eine Genugtuung für unsere nationalen Empfindungen, aber zugleich entweder eine Verminderung unserer nationalen Sicherheit gegen eine überlegene französische Flotte oder die Nötigung, aus Helgoland ein Gibraltar zu machen".

Wilhelm II. drängte dagegen auf die Erwerbung um jeden Preis, er war schon als Kind auf Helgoland gewesen, und seither ließ ihn die Insel nicht mehr los. Seit den Jahren der Romantik hatte der malerische Ort, 1826 zum Seebad erklärt, einen besonderen Rang im Bewusstsein der Deutschen: Künstler, Prinzen und Professoren besuchten die britische Kolonie, darunter auch manch oppositioneller Autor des Jungen Deutschland. Heinrich Heine zum Beispiel zog es wiederholt auf die Insel, ebenso seinen Hamburger Verleger Julius Campe und den Breslauer Germanisten Hoffmann von Fallersleben