Bäuchlings liegt Karsten auf dem Klüverbaum, starrt konzentriert durch sein Fernglas, mustert jeden einzelnen Badegast an der Küste eingehend. Da vorn, da sind welche, meldet er, ist aber ziemlich gemischt. Also nicht genau die Zielgruppe, auf die sie es abgesehen haben.

Früher war die Schaabe an der Nordostküste Rügens reiner FKK-Strand, sieben Kilometer weißer Sand, kein Fetzen Stoff. In den letzten Jahren kommen immer mehr Textiler her, wie es hier stets ein wenig distanziert heißt. Nach der Wende waren viele Stammgäste erst mal in andere Länder gefahren, die neue Reisefreiheit genießen. Als sie an ihre Ostsee zurückkehrten, trauten sie ihren Augen kaum, ob der textilen Invasion aus dem Westen. Heute haben die meisten Seebäder ihren Hauptstrand für bekleidete Gäste reserviert. Häufig werden die Nackten sogar hinter den Hundestrand verbannt.

Aber jetzt naht Rettung, seeseitig: Karsten ist mit der Nacktenquote zufrieden, gibt das Signal zum Landgang. Das kleine Beiboot wird klargemacht.

Hätten die Strandbesucher ein Fernglas, sie könnten ahnen, was sie erwartet.

Willkommen in Frankreich steht etwas zu klein auf einem Transparent zwischen den beiden Masten des niederländischen Schoners Catherina, 1920 als Minenräumer gebaut. Nun will die Catherina eindeutig zivil landen, aber mit einem Überraschungseffekt wie einst die Alliierten in der Normandie. Die Planung ist generalstabsmäßig vorbereitet. Karsten schwimmt schon mal voraus, sondiert inkognito das Terrain.

Kaum ist das voll bepackte Beiboot auf den Strand gezogen, greift er zum Megafon. Splitterfasernackt spricht der Animateur zur überraschten Strandbevölkerung: Mesdames et Messieurs, dürfen wir Sie ssu uns einladdön, wir abbön ein gleinö Uberraschüng für Sie vorrbereitöt. Hinter seinem Rücken entsteht in Windeseile eine Filiale des französischen Fremdenverkehrsamts.

Auf zwei Tischen stapeln sich Prospekte, Getränke, T-Shirts, Sonnenhüte, Frisbeescheiben - alles Marke Willkommen in Frankreich.