Für Bild ist der Fall schon erledigt: "Er hat Julia ermordet", schrieb das Blatt am Dienstag auf der Titelseite und zeigte mit rotem Pfeil auf das Konterfei des Familienvaters Thorsten V. Tatsächlich gibt es für die Polizei kaum noch Zweifel an der Täterschaft des 33-Jährigen. Er ist dringend verdächtig, die Tochter seiner Nachbarn aus dem hessischen Biebertal verschleppt, erschlagen und im Wald verbrannt zu haben. Die Staatsanwaltschaft hat folgerichtig Haftbefehl beantragt. Bild aber spricht schon das Urteil: In fetten Lettern nennt das Blatt Thorsten V. einen "Killer".

Und sind die Indizien nicht erdrückend? Neben einer DNA-Übereinstimmung stellten Kriminaltechniker fest, dass Stofffetzen vom Tatort vermutlich aus der Wohnung des Verdächtigen stammen. Aber so verführerisch der Rückschluss von scheinbar wasserdichten forensischen Beweisen auf Täterschaft und Schuld auch sein mag: das Urteil bleibt die vornehme Aufgabe des Gerichts. Gerade dort, wo die naturwissenschaftlichen Fakten untrüglich scheinen, hat die richterliche Beweiswürdigung umso schärfer und skeptischer zu arbeiten.

Denn DNA-Analysen erzählen nicht das Geschehen

sie ordnen lediglich Gegenstände ihrem Besitzer zu. Und besonders in solchen Fällen, in denen die Polizei unter hohem öffentlichen Erfolgsdruck steht, hat die Justiz ihre Entscheidungen in kühler Eigenständigkeit zu treffen und nicht als Abnickungsorgan der BKA-Technikabteilung. Bisher haben die Medien hierzulande meistens die Unschuldsvermutung respektiert, mit guten Gründen, die weiterhin gelten, auch für Bild. Die moderne Rechtsmedizin darf kein Grund sein, diese Prinzipien preiszugeben. Denn auch sie ist nicht unfehlbar. bit