"Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur. Doch mit dem Tod der andern muß man leben."

Mascha Kaléko, Schriftstellerin

Sie sitzt am Tisch. Neben ihr ein leerer Stuhl. Sie fährt sich übers Gesicht, durch die krausen Locken, faltet die Hände. Hinter ihr die geschlossene Tür.

Gelbe kahle Wände. Nichts, was sie ablenken könnte.

Ihre Finger trommeln auf die Tischplatte. Sie ist gut vorbereitet auf diesen Moment, hier im Büro des Staatsanwalts von Nyanza. Sie hat Fotos mitgebracht von ihrer Tochter und den Enkelkindern, ihrer Familie im 8000 Kilometer entfernten Deutschland. Ein Beutel Zucker liegt vor ihr: ein Wunsch des Angeklagten. Sie wollte nicht mit leeren Händen kommen. Sie nimmt einen kleinen Stein vom Tisch. Ein Stück zerschmetterter Dachziegel, das sie seit September 1994 bei sich trägt. Noch einmal Blättern im Notizheft. Sie konnte sowieso nicht schlafen vergangene Nacht, da hat sie alle Fragen aufgeschrieben: "Was waren die letzten Worte meiner Mutter? Wie hast du es getan? Wie konntest du ..., ausgerechnet du ...?" Immer und immer wieder hat sie diesen Moment herbeigezittert, in Tagträumen und Nachtgesichten. Und sich tausendmal gefragt: "Wie werde ich reagieren?" Die letzten Sekunden sind die längsten. Dann klopft es.

Königswinter bei Bonn. Zwei Wochen zuvor. Das Wohnzimmer liegt im Halbdunkel.

Eugénie knipst selten die Lampen an, eine alte Gewohnheit - in Ruanda haben nur wenige Häuser elektrisches Licht. An der Wand ein Gedenkstein: "Ihr seid bei uns". Darunter steht: "Susanne Mukangwije 1918-1994, David Ngarambe 1963-1994" - die Mutter von Eugénie Musayidire und der einzige Bruder. Zwei von mehr als 800 000 Opfern des Völkermordes in Ruanda. Grünpflanzen umranken den Stein, ein Beutel mit Tabak liegt davor: Germains Mixture No 7. "Meine Mutter war eine Genießerin. Sie hat gerne Pfeife geraucht. Diesen Tabak hat sie bei mir vergessen." Kerzen brennen am Stein. Eugénie kniet davor.

Seit Anfang der neunziger Jahre hatte sich Eugénies Mutter mehrmals auf den Weg gemacht aus ihrem Dorf in Ostafrika nach Königswinter, wo sie den Sommer bei ihrer Tochter verbrachte. Der letzte Besuch endet im September 1993.

"Hätte ich sie doch überredet, hier zu bleiben! Aber sie wollte nicht. Der Winter war ihr zu kalt in Deutschland. Niemand ahnte, was in Ruanda geschehen würde." Eugénie ist 48. Ihre Familie gehört in Ruanda zur Minderheit der Tutsi. Anfang der siebziger Jahre musste sie vor den aufständischen Hutu-Milizen fliehen, so kam sie nach Deutschland. Heute arbeitet sie bei der evangelischen Kirche. Seit dem Völkermord in ihrer Heimat zieht sie durch Gemeinden und Schulklassen mit der Botschaft: "Plus jamais ça" - "Nie wieder!"

Als im April 1994 von Regierung und Rundfunk aufgestachelte Hutu über die Tutsi herfielen, verfolgte Eugénie die Ereignisse ohnmächtig vor dem Fernseher. Verzweifelt bat sie Hilfsorganisationen, sie mit nach Ruanda zu nehmen, damit sie ihre Mutter retten könnte. Erfolglos. Zu gefährlich, hieß es. Am 4. Juli eroberte die Rebellenarmee der Tutsi die Hauptstadt Kigali.

Der Genozid war zu Ende. Zwei Monate später erhält Eugénie einen Stein aus den Trümmern ihres Elternhauses in Kaguli am Rande der ehemaligen Königsstadt Nyanza. Dazu ein Protokoll. Augenzeugen berichten, ihre Mutter sei von einem Hutu mit der Axt erschlagen worden. Von einem Nachbarn. Sein Name: Nsanganira Eugène. Eugénie kennt den Mann. Als Kind hat sie mit ihm gespielt.

"Ich muss seine Augen sehen. Er soll mir in die Augen schauen. Es geht um den Frieden für meine Seele. Ich habe Angst vor dieser Begegnung. Meine Hände schwitzen, wenn ich daran denke. Aber ich muss durch diese Angst gehen.

Anders geht es nicht. Denn ich will die Wahrheit wissen." Das Bild des Mörders verfolgt sie. Sie muss es loswerden.

Eugénie schaut kurz zur Zimmerdecke, atmet aus. Dann steht sie auf und öffnet die Tür. Ein hagerer, kleiner Mann steht vor ihr. Nsanganira trägt Sträflingskleidung in Hellrosa. Kurze Ärmel, kurze Hosen, als käme er gerade von einem Fußballspiel der Betriebssportgruppe. Sein Kopf ist kahl geschoren, er sieht jünger aus als Ende 40. Polizisten haben ihn herübergebracht in das Büro des Staatsanwaltes in Nyanza. Über das Justizministerium hat Eugénie erfahren, dass der Täter in Untersuchungshaft sei, er hat bereits ein schriftliches Geständnis abgelegt.

Nsanganira lächelt verlegen. Eugénie streckt ihm die Hand hin. Der Täter schlägt ein. Guten Morgen. "Es ist Zeit zu reden", sagt sie. Man setzt sich.

Der Staatsanwalt hatte sie noch gewarnt: Mancher Angehörige sei unter Weinkrämpfen zusammengebrochen, als er dem Mörder seiner Familie gegenüberstand. Eugénies Stimme aber ist ruhig und fest. Sie hat zu lange auf diesen Moment gewartet, um nun die Fassung zu verlieren.

"1973 haben wir uns zum letzten Mal gesehen. Als ich die Nachricht erhielt, dass ausgerechnet du meine Mutter ermordet hättest, wollte ich es nicht glauben." - "Ich habe ihre Kühe gehütet", sagt er, den Blick auf die Tischplatte geheftet. Eugénie beugt sich vor: "Warum hast du sie getötet? Hat sie sich nicht immer um dich gekümmert?" - "Ja, das hat sie. Es tut sehr weh.

Ich stehe zu meiner Tat und bitte um Vergebung. Sie hat mir in ihrem ganzen Leben nie etwas Böses getan."

"Hat sie irgendjemand anderem etwas zuleide getan?" - "Nein, niemandem."

Neben dem Stall brennt ein Feuer. Die braune Kuh mit den langen Hörnern steht im dichten Rauch. Athanase Kanasi kauert daneben. Seine verblichene Jacke und die Hose schlottern im Wind, ein Mann aus Haut und Knochen. Wie alt ist Athanase? Er weiß es nicht. Geboren unter König Mutara Rudahigua, also irgendwann in den zwanziger Jahren. Vorsichtig greift der Alte nach dem prallen Euter. Der Qualm hält die Fliegen fern, sonst wäre es lebensgefährlich, das unruhige Tier zu melken. Doch Athanase kennt sich aus mit dem Vieh. So war es immer in Kaguli: Die Hutu bestellten die Felder und hüteten die Kühe. Für die Pflege dieser Kühe jedoch, des wertvollsten aller Güter, waren die Tutsi zuständig. Seit 1994 hat Athanase deshalb viel zu tun.

Er ist der einzige Tutsi im Dorf, der das Massaker überlebt hat.

Die Wege zum Vieh seiner Nachbarn sind anstrengend für den alten Mann, nicht umsonst nennen die Einheimischen Ruanda "Land der tausend Hügel". Einfache Steinhäuser und braune Lehmhütten stehen versprengt im Tal und auf den Anhöhen, umgeben von kleinen Feldern: Cassavawurzeln, Bohnen, süße Kartoffeln. Dazwischen wiegen sich Bananenbäume im Wind. Müde vom Melken, geht Athanase den Trampelpfad zum Haus hinauf. Plötzlich glaubt er einen Geist zu sehen: die Tochter seiner besten Freundin, die das Dorf vor fast 30 Jahren verlassen musste! Erst als sie in seinen Armen liegt, begreift er, dass Eugénie Musayidire heimgekehrt ist.

Eugénie sucht ihr Elternhaus. Athanase zeigt auf einen Mauerrest im Gestrüpp: Mit Hacken und Äxten haben die Hutu damals das Gebäude zertrümmert, nun ist alles überwuchert. "Wir werden es jäten", sagt der Alte und setzt sich neben Eugénie ins Gras. Sie hält ihm ein Foto hin: ihre Mutter, mit der Pfeife im Mund. Er zieht seinen schwarzen Hut ins Gesicht und weint wie ein Kind. "Ich bin so allein, seit sie fort ist. Hier haben wir abends zusammengesessen. Sie hat ihre Pfeife mit mir geteilt." Als die Mörder kamen, hat er sich im Gestrüpp verkrochen. "Am Abend bin ich zu deiner Mutter gegangen und habe ihr gesagt: ,Komm mit mir! Wir verstecken uns heute Nacht im Wald.' Doch sie wollte nicht. Sonst hätten wir uns beide retten können."

Athanase ergreift seinen Gehstock. Er führt Eugénie durch dichtes Unterholz.

Dann treten sie hinaus auf eine abschüssige Wiese. Es ist Gras gewachsen über das Massengrab. Hier haben die Hutu ihre Opfer erschlagen, hier haben sie Eugénies Bruder, ihre Mutter und all die anderen verscharrt. Athanase war dabei, als man die Leiche seiner alten Freundin später wieder ausgrub, um sie anderswo würdig zu bestatten. Aufgeregt läuft er an der Grasnarbe entlang: "Von hier bis dort drüben legten sie lauter Körper und Knochen frei, Kinder und Frauen, übereinander gestapelt. Sie haben sie in Plastikfolien gewickelt und weggebracht. Es war der schlimmste Anblick meines Lebens."

Die Zeugen des Unfassbaren sind gezeichnete Menschen. Eugénie trifft viele von ihnen. "Diese Menschen schlucken alles runter, machen die Augen zu. Aber ihre Seele ist krank. Schau in das Gesicht von Athanase!" Ihre eigenen Tränen behält Eugénie für sich. Sie ist nicht gekommen, um zu weinen. "Wir werden an dieser Stelle ein Kreuz errichten", sagt sie zu Athanase, "zur Erinnerung an die Ermordeten."

"Was geschah mit meiner Mutter und meinem Bruder? Sag mir den Tag, die Stunde, jede Kleinigkeit. Du bist der letzte Zeuge." Auf diese Frage ist der Täter vorbereitet. Er berichtet, als gebe er eine Aussage zu Protokoll: "Am 21. April 94 hatten die Hutu-Milizen eine Straßensperre am Rande des Dorfes errichtet. Dort nahmen sie alle Tutsi gefangen, die sie kriegen konnten. Dein Bruder Ngarambe war auch unter ihnen. Einige waren dafür, ihn wieder freizulassen. Sie hielten ihn für einen Hutu. Ich glaube, er hatte einen gefälschten Pass bei sich. Doch die anderen setzten sich durch. Sie hatten es auf Ngarambes Kühe abgesehen. Über Nacht sperrten sie die Gefangenen in Gideons Haus ein." Aber an diesem Abend sei er noch nicht dabei gewesen, fügt Nsanganira hinzu.

Am nächsten Morgen habe eine Gruppe bewaffneter Hutu die Tutsi den Abhang hinuntergetrieben. Eugénies Bruder sei der einzige Mann gewesen. Und die anderen? An neun Frauen und drei Kinder kann Nsanganira sich erinnern. Ihre Väter und Männer hatten Tage zuvor die Flucht vor den Milizen ergriffen. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass die Hutu auch Frauen und Kinder erschlagen würden, heißt es später. So blieben die Frauen im Dorf zurück. Und die Mörder? Mit ihm zehn Männer, meint Nsanganira. Drei seien später getötet worden, drei sind im benachbarten Kongo verschollen, vier warten im Gefängnis von Nyanza auf ihren Prozess.

"Sie brachten die Gefangenen zur Wiese", erzählt Nsanganira. "Kurz vor dem Waldrand." Eugénie nickt, sie kennt den Platz. "War meine Mutter auch dabei?"

- "Die kam erst später dazu." - "Und du?" - "Ich bin zufällig vorbeigekommen und habe gesehen, wie die anderen Hutu die Menschen gezwungen haben, sich auf den Boden zu legen. Ich ahnte ja nicht, dass man sie töten wollte."

Eugénie schüttelt den Kopf, ihre Augen werden schmal. "Erzähl keinen Blödsinn!" Sie lächelt bitter. "Du wusstest genau, was geschehen würde.

Versuch nicht, mich reinzulegen. Sag mir die Wahrheit, bitte! Du kommst dort ,zufällig vorbei' - mit einer großen Axt auf der Schulter?" - "Ja!" - "Wieso gehst du mit einer Axt spazieren?" - "Ich trug sie als Waffe bei mir." - "Vor wem hast du dich gefürchtet?" - "Die Regierung hatte alle Hutu aufgefordert, Waffen bei sich zu tragen. Es war Krieg. Man sagte uns, die Tutsi seien unsere Feinde, und wir müssten sie jagen."

"Es war Krieg? Hast du denn Tutsi in Nyanza kämpfen sehen?" - "Nein, habe ich nicht." - "Haben die Tutsi sich mit Waffen verteidigt? Hatten sie Gewehre, Äxte, Macheten?" - "Nein, keine Waffen." - "Mit wem, bitte, hätte meine Mutter kämpfen sollen? Mit wem, meinst du, hätte der alte Athanase kämpfen sollen?" - "Athanase hatte Glück, sie haben im Wald nach ihm gesucht. Wäre er entdeckt worden, hätten sie ihn getötet." - "Und meine Mutter? Wann kam sie dazu?" - "Sie kam plötzlich den Abhang herunter. Sie wollte zu deinem Bruder, ihm heißen Tee bringen."

Die Szene ist so unglaublich, dass sie wahr sein muss: Susanne Mukangwije, 76 Jahre alt, kommt die Wiese entlang, in der einen Hand den Gehstock, in der anderen eine Kanne mit Tee - hatte doch ihr Sohn die ganze Nacht lang nichts Warmes zu trinken bekommen. Wollte sie den ungezogenen Hutu-Bengeln die Leviten lesen? Dem Spuk mit einem Machtwort der Dorfältesten ein Ende bereiten? Jedenfalls muss sie sich für unantastbar gehalten haben. Sonst wäre sie am Abend zuvor mit Athanase in den Wald geflohen. Niemand würde es wagen, sie anzurühren! Mag es Naivität, Stolz oder Traditionsbewusstsein gewesen sein - sie ging geradewegs in den Tod.

"Einer der Männer entriss ihr die Kanne und schleuderte sie weg", berichtet Nsanganira. "Er befahl ihr, sich hinzulegen, neben die anderen Tutsi. Da erst merkte deine Mutter, dass dein Bruder und die anderen schon tot waren.

Nkundabagenzi, der Anführer unserer Gruppe, hatte die meisten mit einer Keule erschlagen. Und nun sagte er zu mir: ,Hör zu, wir haben schon eine Menge Leute umgebracht. Alle sind tot, bis auf die alte Frau. Nun bist du dran!

Töte sie! Sonst wirst du selber eine Leiche sein.' Der Druck war zu groß, ich war zu schwach, mich zu widersetzen. Also erschlug ich sie mit der Axt. Und ich bitte den Staat und dich um Vergebung dafür."

Nsanganira schwitzt nicht, er weint auch nicht. Mit gesenktem Blick, regungsloser Miene und ruhiger Stimme hat er sein Geständnis wiederholt und sein Anliegen vorgetragen, Vergebung will er. Eugénie geht nicht darauf ein: "Noch mal zurück zu meiner Mutter. Ihr habt sie gezwungen, sich hinzulegen.

Und dann nimmst du die Axt? Wo hast du sie damit getroffen?" - "Ich habe ihr gegen den Kopf geschlagen."

Wie viel Wahrheit erträgt ein Mensch? Was muss Eugénie noch erfahren, um befreit zu werden von der Fratze des Mörders? Hilft es den Familien der Opfer wirklich, wenn sie die "Wahrheit" des Täters zu hören bekommen? Politiker aus Ruanda sind nach Südafrika gereist, um dort die Arbeit der Wahrheitskommission zu studieren. Die Folterknechte des Apartheidsregimes gestehen öffentlich ihre Verbrechen, erhalten dafür Amnestie, und die Angehörigen der Opfer dürfen zuhören. Manche brechen dabei ohnmächtig zusammen. Befreiend erscheint die Wahrheit vor allem für den Täter, erspart sie ihm doch eine lange Gefängnisstrafe.

Auch Nsanganira bekennt sich zu seiner Tat. Auch er kann darum auf mildere Strafe hoffen. Und worauf hofft Eugénie? Sie kann dem Täter ihre eigenen Fragen stellen, das ist schon viel. Nsanganiras Antworten aber reichen ihr nicht aus. Sie schüttelt den Kopf: "Ich verstehe es noch nicht. Bitte, komm her, und zeig mir, wie du mit der Axt zugeschlagen hast!"

Sie springt auf und legt sich auf den Boden. Sie ist jetzt ihre Mutter. Als sie sterben musste, war sie allein. Die Tochter will dem Kreuzweg folgen, den die Mutter ohne sie gegangen ist. Und sie zwingt den Mörder mitzugehen. In diesem Moment versöhnt sich Eugénie nicht mit dem Täter, sondern mit der eigenen Ohnmacht. Und sie nimmt Abschied von der Mutter, die nicht zu retten war.

"Lag sie so da? Die Hände ausgestreckt? Nein? Also die Arme am Körper angelegt. Wo hast du sie getroffen?" Nsanganira schwankt. Er kratzt sich am Kopf. Er tritt mit einem Grinsen an Eugénie heran und legt seine Hand flüchtig einmal auf ihre linke, dann auf die rechte Schläfe. Dort, sagt er, habe er zugeschlagen. Einmal oder zweimal? Zweimal. Mit der scharfen Seite der Axt oder mit der stumpfen? Mit der stumpfen. "Was waren die letzten Worte meiner Mutter? Was hat sie noch gesagt, bevor sie starb?" - "Ich glaube, sie hat gar nichts gesagt. Als sie die Toten dort liegen sah, hat sie nur noch geschwiegen. Dann schlug ich zu."

Die Frauen tragen farbenprächtige Gewänder und große bunte Schirme zum Schutz gegen die Mittagssonne. Manche wiegen einen Säugling im Arm. Die Muslime unter ihnen haben den Kopf mit gelben und roten Tüchern bedeckt. Die Männer halten Macheten in der Hand. Andere lehnen sich auf Hacken. Im Kreis stehen sie am Rande des Massengrabes in Kaguli, Eugénie hat sie gebeten zu kommen.

Umuganda nennen sie das in Ruanda, wenn die Menschen des Dorfes etwas Gemeinsames vorhaben. Doch man ist sich uneins:

"Warum willst du unbedingt hier ein Gedenkkreuz errichten?", wendet sich einer an Eugénie. - "Weil meine Mutter, mein Bruder und die anderen aus dem Dorf an dieser Stelle ermordet wurden." - "Aber ihre Körper ruhen doch jetzt auf dem Friedhof. Willst du nicht besser dort dein Kreuz aufstellen?" Eugénie ist gereizt: "Der Ort ihres Martyriums soll nicht vergessen werden. Aber wenn das ein Problem für euch ist, lassen wir es bleiben." Manchmal sind Gedanken mit Händen zu greifen: Was bildet die Frau sich eigentlich ein? Kommt aus Deutschland hier anspaziert, faselt von Denkmälern und Trauerarbeit und stellt dauernd Fragen. So was gehört sich nicht. Es ist klar, Eugénie geht den Leuten auf die Nerven. Das Leben ist hart in Kaguli. Soll sie doch in ihr sattes Europa verschwinden, wo sie herkam. Laut sagen sie: "Aber nein. Bitte, mach nur." Man ist höflich in Ruanda.

Ein älterer Mann im groben Sakko meint lächelnd: "Schließlich ist dies ja auch der Ort, von wo ihre Seelen gen Himmel gefahren sind." Er heißt Alfonse.

Er ist ein Hutu und frommer Christ, den man an Sonntagen laut singend in der Kirche antrifft. Er lässt es sich nicht nehmen, höchstpersönlich das Loch für das Kreuz zu schaufeln. Es ist derselbe Alfonse, dessen Tante später unter Schmerzensschreien erzählen wird, dass er im April 1994 19 Tutsi-Verwandte in sein Haus aufnahm und dass ein Lastwagen gekommen sei, um alle abzuholen, und dass sie, die Tante, eines der kleinen Tutsi-Kinder im Arm gehalten habe, um es zu verstecken, und dass der fromme Alfonse ihr das Kleine entrissen und der todgeweihten Mutter übergeben habe mit den Worten: "Das Kind gehört zu dir." Es ist derselbe Alfonse, der immer zum rechten Zeitpunkt die richtige Flagge vor seinem Haus hisste: erst die der Hutu-Milizen und nach dem Einmarsch der Tutsi-Rebellenarmee jene der Ruandischen Patriotischen Front.

Inzwischen sind wieder ein paar Tutsi nach Kaguli zurückgekehrt. Doch die meisten der ums Grab Versammelten gehören zum Volk der Hutu. "Auch wenn ich nicht weiß, was sie denken", überlegt Eugénie, "so leiden doch sicher manche darunter, dass sie nichts getan haben, um die Tutsi zu schützen. Warum haben sie meine Mutter nicht versteckt?"

Athanase sitzt auf der Wiese und schaut seinen Hutu-Nachbarn aus sicherer Distanz zu. Wie viele Mitläufer und Verräter von damals helfen heute bei der Grabpflege? Der Alte hat ein gutes Gedächtnis, er zeigt Eugénie das Haus einer Nachbarin: "Wenn du die schönen Dachziegel deines Elternhauses suchst, dann schau dir mal das Dach ihres Schuppens an ..." Als Eugénie dort hingeht, bewegt sich eine Gardine im Fenster. Aber niemand kommt heraus, sie zu begrüßen. Niemand fragt, was sie hier will. Jeder weiß es. Darum dauert es auch nicht lange, bis Eugénie erfährt, wer sich die teure Milchkuh ihrer Mutter unter den Nagel gerissen hat. Sie stellt den Mann zur Rede. Er gibt sofort alles zu, muss aber "leider" mitteilen, dass die Kuh verstorben sei.

"Die Kuh ist tot, aber Eugénie ist hier", bekommt er zu hören. O je, er sei arbeitslos und könne den Verlust nicht ersetzen. "Dann wirst du eben mein Gärtner", sagt Eugénie. Er solle das verwilderte Grundstück der Mutter in Ordnung bringen, einen Garten anlegen und pflegen, unentgeltlich, versteht sich. Erleichtert sagt er zu.

Er hat sich an die Abmachung gehalten. So müsste es öfter gehen, meint man im ruandischen Justizministerium und versucht derzeit, die alte Tradition der gacaca-Gerichtsbarkeit wiederzubeleben: Um die Justiz zu entlasten, soll ein demokratisch gewählter Ältestenrat in den Dörfern die zahllosen Streitfälle von Plünderei und Verrat unter den Nachbarn klären und beilegen. In früheren Zeiten vergrub man hinterher immer eine Staude Bananen als Symbol dafür, dass die Sache erledigt sei. Ein fast rührender Versuch vor dem Hintergrund der unvorstellbaren Verbrechen des Völkermordes.

Und das Leben muss weitergehen in Kaguli. Der Satz ist ganz einfach und ganz schwierig. Hutu und Tutsi wohnen beieinander. Doch können sie miteinander leben? "Versöhnt euch!", beschwört der Tutsi-Präsident Paul Kagame seine Untertanen und fördert den "Versöhnungsprozess" durch diverse Regierungsinitiativen. 1994 befahl die Staatsführung den Völkermord. Kann sie heute die Versöhnung anordnen?

Drei Töchter sind Athanase geblieben. Seine Söhne hat er verloren.

Hutu-Milizen erschlugen sie mit Keulen. Als sie sahen, dass einer noch nicht tot war, verpassten sie ihm eine Kugel. "Diese Wunden werden niemals heilen", sagt der Alte. "Ich werde mit ihnen sterben." Seine Nachbarn, Hutu, sind reich, ihm wurde alles genommen. Ihre Söhne leben noch, seine wurden getötet.

"Wie soll ich mich versöhnen?"

Nur einen Steinwurf von Eugénies Elternhaus steht das Haus des Mörders.

Eugénie geht dorthin. Sie will die Eltern von Nsanganira sprechen. Doch es ist nur seine jüngere Schwester da. Sie wohnt in einer ärmlichen Lehmhütte direkt neben dem weit stattlicheren Gebäude des Bruders. Ein etwa zehnjähriges Mädchen fegt mit einem Reisigbesen den rotbraunen Erdboden vor der Hütte. Ihre Mutter sitzt im Schatten eines Baumes, einen Korb auf dem Schoß, und fingert kleine Steine und Dreck zwischen den Bohnen hervor. Zwei kleine Kinder toben herum. Eugénie nimmt das Jüngste auf den Arm. "Hallo."

Yudita ist 35 Jahre alt und alleinerziehende Mutter. Sie hat ein Bohnenfeld, sonst nichts. Und die Eltern? Schon lange tot. Und Nsanganiras Frau und seine Kinder? Auf der Flucht im Kongo verschollen. Nach dem Tod der Eltern habe ihr Bruder versucht, sie von ihrem Land zu vertreiben, erzählt Yudita. Als sie schwanger wurde, hat er sie verprügelt. Mehrfach sind sie vor Gericht gezogen, immer hat sie ihm verziehen. Kann sie sich an Eugénies Mutter erinnern? Yudita lächelt: "O ja! Ich habe sie gut gekannt. Sie hat uns zu essen gegeben. Sie hat sich immer um uns gekümmert. Ich vermisse sie, wie man eine liebende Mutter vermisst."

Zum ersten Mal muss Eugénie sich Tränen aus den Augen wischen. Später sagt sie: "Es ein komisches Gefühl, Nsanganiras Schwester zu begegnen. Aber sie hat mich mit so offenen Augen angeguckt, sie hat sich nicht versteckt, sie will nichts zu tun haben mit der Tat ihres Bruders. Wir haben gemeinsam getrauert über den Tod meiner Mutter. Ich möchte, dass wir Freunde werden."

Seit Nsanganira 1997 auf der Flucht verhaftet wurde, sitzt er in Untersuchungshaft. Andere Gefangene werden von ihrer Familie mit Obst und Gemüse versorgt. Yudita aber hat ihren Bruder nur einmal besucht. "Ich will keinen Menschen sehen, der sich wie ein Tier benommen hat."

"Du hast mich um Vergebung gebeten." Eugénie schaut dem Täter in die Augen.

"Eigentlich müsstest du meine Mutter um Verzeihung bitten. Doch sie ist tot.

Aber meine Familie und ich, wir leben. Und ich bin auch nach Ruanda gekommen, um dir zu zeigen, ihr konntet uns nicht vernichten." Sie greift zu den Fotos und breitet sie vor Nsanganira aus: "Schau, das ist meine Tochter Sandra, das sind meine Enkel Leo und Marie." Nsanganira wirft höflich lächelnd einen kurzen Blick auf die Bilder aus Deutschland. "Nun versetz dich in meine Lage", sagt Eugénie. "Nehmen wir an, ich hätte deine Mutter getötet. Auf die gleiche grausame Weise, wie du meine - würdest du mir vergeben?" Nsanganira zögert keine Sekunde: "Für einen Heiden wäre es sehr schwer. Ein Heide würde Rache nehmen. Ein Christ aber muss dem anderen vergeben."

Hier bittet einer nicht nur um Vergebung - er fordert sie, wie ein Recht, das sich einklagen lässt. Eugénie fragt: "Bist du Christ?" - "Ja, seit ich im Gefängnis bin." Nsanganira möchte einen Tauschhandel: Sie wollte seine Zeugenaussage hören, dafür verlangt er ihre Vergebung und beruft sich aufs Christentum, zu dem sich knapp drei Viertel der Bevölkerung bekennen (10 Prozent sind Muslime, 17 Prozent gehören sonstigen Religionen an). Ein Geschäft wie auf dem Marktplatz von Nyanza. "Man hat mir gesagt, du würdest mir vergeben." - "Das habe ich nie gesagt", antwortet Eugénie. "Vergebung ist eine schwere Sache." - "Ich habe doch nur getötet, weil die Regierung uns gezwungen hat. Ohne ihren Befehl wäre kein Tutsi umgekommen. Du weißt: Das Gesetz ist schwerer als ein Stein. Wir mussten der Obrigkeit gehorchen."

"Die Regierung hat euch zu den Morden aufgerufen, sicher. Aber wie konntest du einer alten, wehrlosen Frau den Schädel einschlagen? Deiner Nachbarin, der Ältesten des Dorfes, deren Kühe du gehütet hast? Die dir Brot und Salz schenkte? Warum hast du sie nicht versteckt, statt sie mit einer Axt zu ermorden?"

Was machte friedliebende jugoslawische Nachbarn zu Serben und Kroaten, zu Todfeinden? Wie wurden humanistisch gebildete deutsche Beamte zu Judenmördern? Wer verwandelte den Nachbarn Nsanganira in einen Killer? Er selber hat darauf nur diese karge Antwort: "Das Fleisch ist schwach. Wir haben Fehler gemacht, aber verantwortlich war die Regierung."

"Sag, dass DU es getan hast! DU hast es getan, nur DU!", ruft Eugénie. "Und dann bist du fröhlich nach Hause gegangen und hast einen getrunken? Hast du dich denn gar nicht schuldig gefühlt an jenem Tag? Bist du nicht weggelaufen?"

"Nein. Ich bin erst später geflohen. Anfangs dachten wir, uns würde nichts passieren, weil es ja unsere Spitzenpolitiker waren, die den Befehl gegeben hatten. Weißt du, ich bin fast fünfzig Jahre alt, und es ist das erste Mal, dass ich im Gefängnis bin. Ich war immer ein rechtschaffener Mann." -

"Würdest du den Mord noch einmal begehen, wenn deine Regierung dich dazu aufruft?" - "Nein, das könnte ich nicht. Denn was ich gesehen habe, war nicht gut", antwortet Nsanganira. "Ich weiß, es gibt Menschen, die würden wieder töten. Doch es gibt auch jene, die lieber sterben würden, als einen Mord zu begehen, wie ich es getan habe. Es ist schwer für mich, an deine Mutter zu denken."

Was geht nur vor in diesem Mann? Fühlt er etwas? Seine stoische Miene, sein gesenkter Blick verraten nichts. Will er nur seine Haut retten, oder leidet er wirklich? Und warum ist Eugénie seine Seelenlage so wichtig? "Ich kann dir nur sagen, dass es mir sehr leidtut, was ich getan habe. Und ich bitte dich aus tiefstem Herzen um Vergebung", sagt er wie eine Maschine wieder und wieder. Wie viel Verantwortung er innerlich für seine Tat übernimmt, wird sein Geheimnis bleiben.

"Das ist ein Stück Dachziegel vom Haus meiner Mutter." Eugénie hält dem Täter den Stein hin. "Mein Schmerz war so groß, dass ich mit Steinen gesprochen habe." Sie schiebt den Beutel hinüber zu Nsanganira: "Man hat mir gesagt, du freust dich über Zucker. Hier ist er. Ich bin bereit, dir zu geben, worum du bittest. Aber du musst wissen, ich leide schrecklich unter dem, was du getan hast. Und du willst Vergebung. Das ist schwer, sehr schwer für mich."

Nsanganira schweigt.

Am 30. August 1996 verabschiedete das ruandische Parlament ein Gesetz, das die Strafverfolgung der Verbrechen bei Völkermord regelt. Es gibt demnach vier Gruppen von Straftaten. Kategorie vier: Raub und Plünderungen. Diese zahllosen Eigentumsdelikte sollen innerhalb der Dörfer geregelt werden, ohne den Staat. Kategorie drei: schwere Körperverletzung bis hin zum Totschlag: sieben bis zwanzig Jahre Haft. Kategorie zwei: vorsätzlicher Mord, ohne Rücksicht auf die Frage, ob der Täter angestiftet war oder nicht. Darauf steht lebenslang Gefängnis. Kategorie eins zielt auf die politisch Verantwortlichen vom Präsidenten bis zum Dorfschulzen: Organisation des Genozids. Darauf und auf Sexualmord, bei dem das Opfer unter Folterungen zu Tode gebracht wurde, steht die Todesstrafe.

Als das Gefängnis von Nyanza gebaut wurde, dachte niemand an Völkermord. Die ummauerte Haftanstalt hat Platz für 3000 Menschen. 4431 leben dort heute.

Anderswo ist die Lage noch dramatischer, die Dorfkarzer platzen aus allen Nähten. Die hygienischen Bedingungen sind eine Katastrophe. 130 000 Menschen sind inhaftiert in Ruanda, die meisten von ihnen warten seit Jahren auf ihren Prozess. Die Gerichte werden der Menge von Verbrechen nicht Herr. Deshalb griff man zu einer List: Man stellt Beschuldigten eine drastische Strafmilderung in Aussicht, wenn sie ihr Geständnis niederschrieben. Das bringt dreifachen Nutzen: Der Prozess - ohne umständliche Beweisaufnahme und Zeugenvernehmungen - wird gestrafft

die Kosten sinken, da sich die Gefängnisaufenthalte verkürzen

und die Männer, die so dringend zum Wiederaufbau des zerstörten Landes benötigt werden, kommen rasch aus der Haft.

Bekennt ein Mörder sich schuldig, rutscht er aus der Strafkategorie zwei in Kategorie drei, so sieht es das Gesetz vor. Im Falle von Nsanganira bedeutet das: Für den Mord an Eugénies Mutter erwartet ihn statt lebenslänglich nur noch eine Haftstrafe von sieben oder acht Jahren, wovon die Zeit der Untersuchungshaft abgezogen wird.

"Nsanganira, sag mir: Welche Strafe hast du verdient für deine Tat?" Der Täter zeigt sich unterwürfig. "Wie soll ich eine Strafe für mich selber finden?", sagt er zu Eugénie. "Kannst du mir bitte helfen? Sag mir, welche Strafe ich verdiene." - "Wäre lebenslänglich angemessen? Oder fändest du das ungerecht?" - "Nein, ich akzeptiere jede Art von Strafe. Was ich getan habe, ist furchtbar." - "Hast du mir sonst noch was zu sagen?" - "Ich bin schon seit vier Jahren in Untersuchungshaft. Ich wünsche mir, dass ich endlich mein Verfahren bekomme und abgeurteilt werde." - "Ich werde mich darum kümmern.

Das verspreche ich dir."

Eine Stunde hat die Begegnung gedauert. Am Ende reicht Eugénie dem Täter die Hand: "Ich danke dir." In der Tür dreht er sich noch einmal um und lächelt.

Dann verschwindet er im Dunkel des Flures. Sein Prozess wurde inzwischen für November 2001 angesetzt. In wenigen Jahren wird Nsanganira ein freier Mann sein.

Martin Buchholz ist Dokumentarfilmer für ARD und ZDF. Er hat Eugénie Musayidire mit der Kamera nach Ruanda begleitet

Weitere Informationen im Internet:

www.zeit.de/2001/35/ruanda