Zwei Seelen wohnen in jedes Menschen Brust: Misstrauen und Neugier. Aus Misstrauen wehrt er sich gegen das Neue - aber seine Gier auf das Neue überspielt immer wieder die Vorsicht. Ein Beispiel: Bei der ersten Benutzung eines im Auto installierten Navigationssystems gibt er als Zielpunkt ein: "Schillerstraße 33". Staunend nimmt er sodann wahr, wie ihn eine Kunststimme von Kreuzung zu Kreuzung lotst, hier rechts, dort links. Selbst wenn der Mensch vom rechten Pfad abweicht, wird er wenig später wieder auf Kurs gebracht. Und schließlich verkündet die Stimme: "Schillerstraße 33, Sie haben Ihr Ziel erreicht!" Das weiß der neugierige Technikfreak nun ganz gewiss - und freut sich darüber wie ein Kind. Aber weiß er auch, dass zugleich eine höhere Instanz dies alles ebenfalls weiß, jedenfalls virtuell, einschließlich der Abweichung vom rechten Pfad, wo und wann und wie lange?

Spökenkiekerei? Mitnichten! Denn die sichere Navigation funktioniert nur deshalb, weil das "System", jene höhere Instanz, stets genau "weiß", wo der Suchende sich gerade aufhält und ob er sich auf dem rechten Weg bewegt. Dass diese Daten nicht gespeichert werden, dass sie vor allem nur von einem technischen System "gewusst" werden und nicht etwa einer natürlichen Person bewusst sind - darauf verlässt der Mensch sich ebenso blind, wie er der Kunststimme Folge leistet. Das glaubt er einfach, zurzeit wohl zu Recht - aber wie lange noch? Und kann er beweisen, dass es so ist?

So funktioniert das im Einzelfall. Und so wird das in zwei Jahren massenhaft funktionieren, wenn die Lastwagenmaut auf deutschen Autobahnen per Telematik und pro Kilometer eingezogen werden wird: Global Positioning System, On Board Unit, Road Pricing - das ganze technokratische New Speak der guten neuen Zeit inklusive. An sich hat das neue Mautmodell nur Vorzüge: Ein gewichtiger Teil der Wegekosten wird nutzungsgerecht verteilt, zwischen In- und Ausländern, Viel- und Wenigfahrern. Lästige Wartezeiten an Mautstellen entstehen gar nicht erst. Die einschlägige Technik ist hierzulande weiter entwickelt als anderswo - das schafft Arbeitsplätze und Exportchancen. Im Übrigen ist die Sache ausbaufähig: Heute nur die Lkw, übermorgen die ganze Autowelt. Heute die Erfassung der Kilometerleistung, morgen vielleicht die Überwachung der Pausenregelung, übermorgen der Bewegungsbilder. Und irgendwann die perfekte Fahndung? Natürlich will das niemand - aber es könnte jeder, der es wollte.

Eine sonderbare Sorglosigkeit

Keine Panik, aber ein Paradox: Ausgerechnet das urliberale Prinzip der Leistungs- und Forderungsgerechtigkeit ("Wer anschafft, zahlt"), die Privatisierung der Kosten, das antikollektivistische Veto gegen verworrene Mischfinanzierungen und undurchschaubare Quersubventionierungen, das individualistische Axiom der persönlichen Zurechnung - all das funktioniert unter den Bedingungen modernster Technik und in systemischer Perfektion am besten auf der Grundlage einer bis ins Deta il präzisierten Totalerfassung und Abrechnung jeder persönlichen Aktivität, also aufgrund der schlimmsten Anti-Utopie der Liberalität und zulasten der Privatsphäre.

Keine Panik, wie gesagt! Das wird schon alles gesetzlich so geregelt werden, dass die Technik nur das sieht und aufzeichnet, was für den ersten Zweck der Maßnahme erforderlich ist. Die Datenschützer werden ihr scharfes Auge walten lassen. Aber weil mit der Technik von Anfang an mehr möglich ist, als sie am Ende leisten darf, müssten zunächst nur die Brummi-Fahrer, müssten sodann aber auch wir Bürger und Nutzer merkwürdigerweise der Sache völlig vertrauen, obwohl wir ihr mit der zweiten Seele in unserer Brust eigentlich misstrauen sollten.

Dieses Misstrauen ist uns weithin abhanden gekommen. Sonderbar. Wer sich des Streits um das Volkszählungsgesetz von 1983 erinnert, wer noch einmal das daraufhin ergangene Urteil aus Karlsruhe nachliest, in dem die Richter das Grundrecht auf "informationelle Selbstbestimmung" in die Verfassungswelt setzten - wer also nur ein wenig zeitgeschichtliche Erinnerung sein Eigen nennt, kann über den seither eingetretenen Klimawechsel nur atemlos staunen.