"Das ist doch ganz normal", sagt der Volksmund beschwichtigend, wenn er es mit Dingen zu tun bekommt, die seinen Normen widersprechen, ihn aber nicht weiter um den Schlaf bringen sollen. Und wie es so kommt, verwandelt sich das, was zur "Normalität" erklärt wird, schon morgen in eine neue Norm, an die wir uns zu halten haben. Das Nicht-Normale wird normalisiert und normativ aufgerüstet. Mit dieser mysteriösen Verwandlung von "Normalitäten" in "Normativitäten" beschäftigt sich eine Forschungsgruppe an der Universität Dortmund, die schon manchem ein Licht aufgesteckt hat. Damit ist nun Schluss

der Hauptausschuss der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hat die Fortsetzung der Arbeit abgelehnt, übrigens gegen das Votum der Gutachter.

"Die Weiterförderung wird eingestellt." Obwohl Ablehnungen normalerweise vorkommen, findet die Forschungsgruppe die Entscheidung nicht normal. Denn ausgerechnet die DFG hatte mit ihrer biopolitischen Wende den Tatbeweis für die Lebensnähe der Dortmunder Normalismus-Forscher geliefert. Während DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker die embryonale Stammzellenforschung bislang als normativ verwerflich bezeichnet hatte, beruft er sich nun auf die internationale Forschungsnormalität. Jetzt gilt auch der DFG als "normativ" akzeptabel, was gestern noch gegen Normen verstieß und morgen schon ganz normal sein wird. Solche semantischen Schleichwege von der Normalität zur Normativität haben Jürgen Link und die anderen Dortmunder Forscher eindrucksvoll aufgedeckt - vielleicht zum Ärger der DFG. Schöne Pointe: Die Entscheidung fiel in derselben Sitzung, in der die DFG ihre biopolitische Wende vollzog und festlegte, was künftig als normal zu gelten hat.