Amerikanische Ökonomen überwachen die Politik armer Schuldnerstaaten. Die amerikanische Wirtschaftsordnung mit ihrer Ethik der kreativen Zerstörung dringt immer weiter nach Europa, Ostasien und Indien vor. Amerikanische Juristen und Politologen schreiben für neue Regierungen in Afrika und Zentralasien die Verfassungen. Und Amerikaner vom Open Society Institute des Spekulanten George Soros wenden viel Geld auf, um in diesen Regionen zivile Gesellschaften auf die Beine zu bringen.

Englisch ist die zweithäufigste Sprache der Welt. Für 350 Millionen Menschen ist sie die Muttersprache. Aber mehr als eine Milliarde sprechen sie gut genug, um ein Geschäft, einen Deal, abzuschließen oder über ein Basketballspiel zu diskutieren. "Amerikanisch" ist die andere globale Zweitsprache, ein Dialekt, zu dessen Vokabular Michael Jordan ebenso gehört wie HipHop oder Baywatch, die beliebteste Fernsehserie der Welt. Jeder Immigrant, der heute auf einem amerikanischen Flughafen landet, hat ein imaginäres Leben zwischen New York und Los Angeles schon hinter sich.

Was bedeutet das alles eigentlich? Für viele Menschen überall auf der Welt ist die Diagnose klar: Die Rede ist von einem Imperium. Die indische Zeitschrift Frontline überschrieb jüngst eine Titelgeschichte zur amerikanischen Außenpolitik mit der Schlagzeile "Die Wege des Imperialismus".

Ein südafrikanischer Journalist beschreibt das Leben in "den äußeren Provinzen des Reiches". Ein arabischer Gelehrter untersucht die Integration Ägyptens in "das amerikanische Reich". Die Franzosen beklagen, "von den Amerikanern globalisiert" zu werden. Dergleichen hört man nicht nur von Linksaußen. Es ist Ausdruck der fast universellen Wahrnehmung, dass das amerikanische Gebot heute überall gilt - nicht als direkte Weltherrschaft, wohl aber als Anspruch, die Spielregeln des 21. Jahrhunderts zu bestimmen.

Amerikaner reagieren auf diese Analyse mit Unverständnis. Für sie ist das amerikanische Imperium unsichtbar. Ihnen ist schleierhaft, wie man ausgerechnet ihr Land für eine imperiale Macht halten kann. Sie sind von der Unschuld ihrer Nation fest überzeugt: Wir sind ein gutmütiges Volk, das nur mit denen in Streit gerät, die selbst Streit suchen! Der Begriff des Imperiums steht aus amerikanischer Sicht für die Bosheit der Alten Welt. Er entspricht etwa dem, was Europäer im 19. Jahrhundert unter orientalischer Despotie verstanden.

Washington - das neue Rom

Nach amerikanischer Vorstellung bedeutet Imperium Eroberung. Die Spanier seien in Amerika Eroberer gewesen, sagen wir US-Bürger - und bestehen darauf, dass wir selbst die nördliche Hälfte doch nur "besiedelt" hätten. Die spanische Eroberung, ihr Gemetzel, ihre Sklaverei - das war Imperialismus.