Als ihr Mann starb, schrieb sie ihrem Stiefsohn folgenden Brief:

Ich sitze hier vor dem Papier und weiß nicht, wie ich die Feder halten soll.

Du magst es als den größten Beweis meiner Liebe ansehen, daß ich Dir heute schreibe. Morgen ist Dein Geburtstag. Ich habe Dir nichts zu senden als diesen Brief.

Den Deinigen, der so lieb und tief und wahrhaftig ist, hab ich erhalten eine halbe Stunde, bevor der gute Vater die nun ewige Wohnung im grünen Garten bezog, da hab' ich ihm Deinen Brief in die rechte Hand gegeben, in der linken hatte er Blumen, so ist Dein Gruß mit ihm gegangen und ruht an seinem Herz, das nicht mehr schlägt ...

Ich habe Dir nie während der letzten Krankheit nur den zehnten Teil der Leiden geschrieben, die wir überstanden. Auch jetzt wollen wir die Aufzählung ruhen lassen ...

Im Moment des Scheidens zog ein heller Schein über sein Gesicht, eine lichte Verklärung. Er sah in den ersten Stunden nach dem Tode einem zwanzigjährigen Jüngling gleich, Alter und Krankheit waren aus den Zügen verschwunden, es war der wahrhaftige Abglanz einer seligen Erlösung aus schwerer, schwerer Gefangenschaft. - Dies unser Trost - mein lieber, lieber Sohn. - Ich bin tief gebeugt und im Innersten verwundet und ergriffen, alles tut mir weh, und dennoch fühle ich, daß mir unser teurer Entschlafener jetzt mehr gehört und näher ist, als im Leben vom Maß der Krankheit umschleiert und verfinstert. Es mußte so kommen, es war die blinde Notwendigkeit.

Seine letzte Freude waren die Rezensionen Deiner Bilder, über die zweite hatte er in seiner schwächlichen Reizbarkeit einen ganzen Tag vor Freuden geweint. Des Nachts sagte er immer, >mein herrlicher Sohn, mein lieber Sohn!<