Es ist die Geschichte des Hörnchens, des Kipferls oder des Croissants als Kriegskind. Geboren in einem Duell zweier Kulturen. In jener großen Schlacht der Düfte. Man schrieb das Jahr 1683, als Türkenkaffee und Wiener Kipferl das erste Mal aufeinander trafen. Da waren das Getränk und das Gebäck Waffen in einem psychologisch geführten Krieg. Es war ein zermürbender Kampf der Gerücheküchen. Er endete in einer Duftschlacht, in einem olfaktorischen Gemetzel.

Auf der einen Seite die belagernden Ottomanen, physisch nicht in der Lage, ins Bollwerk Wien einzudringen. Da griffen sie zur Waffe, die jeden Schützen-, Burg- und ideologischen Graben überwindet. Sie quälten die eingekesselten Wiener mit Schwaden verdunstenden Bohnenwassers. Aber auch die Wiener kannten kein Pardon. Sie nahmen sich den roten Halbmond der Türkenflagge vor, schoben ihn - geformt aus Mehl und Wasser - in den Ofen und signalisierten mit dem entweichenden Duft den Angreifern: Vergesst das Unternehmen! Haut ab! Wir haben noch zu essen, euer Mond ist unser Fraß!

Auch hierzulande weitergereichte Varianten dieser Schöpfungsgeschichte gehen davon aus, dass sich nicht ein Pariser Boulanger, sondern ein Wiener vom türkischen Halbmond zum erstmaligen Backen des Frühstücksgebäcks hat inspirieren lassen. Eines Nachts, so heißt es auch, wollten die Türken Wiens Mauern mit einem Tunnel untergraben. Doch hellhörige Bäcker, früh schon auf den Beinen, vereitelten das Vorhaben. Sie schlugen Alarm, nachdem sie in der Stille der Backstube die Geräusche der Wühlmäuse vernommen hatten. Zur Belohnung durften sie ein Gebäck fabrizieren, das die türkische Niederlage symbolisierte.

Andere Theorien nennen als Zeitpunkt der kulinarischen Innovation den Abzug der Angreifer. Danach hätten sich die ausgehungerten Wiener die in den Zelten zurückgelassenen Mehlvorräte unter den Nagel gerissen und vor lauter Freude über den Sieg den Halbmond in der höllischen Hitze ihres Backofens schmoren lassen.

Auf keinen Fall darf man auf die Historiker hören, die miesepetrig behaupten, das Gebäck sei schon vor der zweiten Türkenbelagerung Wiens von einem Konditor in Baden verkauft worden. Den Siegeszug des Hörnchens - immerhin da sind sich die Besserwisser und Onkel Mehmet ziemlich einig - leitete Prinzessin Marie Antoinette von Habsburg ein. Als sie 1770 nach Paris zog, um den zukünftigen König Ludwig XVI. zu heiraten, brachte sie ihren persönlichen Bäcker mit, damit er ihr jeden Morgen herrlich duftende Croissants backe.

Die kriegerischen Düfte haben Frieden geschlossen. Ein Tag kann nicht schöner beginnen als in einer Doppelwolke, die Gebäck und frisch gebrühtem Kaffee entsteigt, und die einen - ein paar Minuten noch - vor der Hektik des Tages schützt. Beim Weitertragen von Mehmets Geschichte allerdings, muss man ein wenig vorsichtig ans Werk gehen. Ausgerechnet ein Türke reichte mir kürzlich in Hamburg das georderte Croissant. Er trug eine Kappe - mit aufgenähtem rotem Halbmond. In der noch ungelenken Sprache des zu früh Aufgestandenen machte ich eine Bemerkung zum Croissant auf seiner Kappe. Das kam nicht gut an.

Ich versuchte, den Schaden wieder gut zu machen. Und hatte Glück. Die Langversion der "Schlacht der Düfte" gefiel ihm besser als die kurze beleidigende. Es reichte zu einem flüchtigen Schmunzeln. Davon habe er noch nie gehört, sagte er. Aber die Geschichte sei gut. Er müsse sie unbedingt weitererzählen.