Solche Gedanken waren es gerade nicht, oder allenfalls unbewusst auf den Kopf gestellt, die meine Schritte in den Prager Messepalast lenkten, in dem die Tschechische Nationalgalerie seit einigen Jahren einen großen Anteil ihrer Gemälde ausstellt. Ich wollte dort vor allem ein gepriesenes Bild von Caspar David Friedrich sehen: Ein Abend an der Nordsee von einem Maler, der - versunken - seinen Blick so oft in die Ostsee gerichtet hatte. Doch in der außerordentlich großen Sammlung war dies nur ein optisch kleiner Blickpunkt, präsentiert in einer Nebenkammer.  M e i n  Caspar David,  u n s e r  deutscher Friedrich als sozusagen nur noch exzentrischer Vergleichspunkt. Klar, wir sind in einer Sammlung der tschechischen Malerei des 19. Jahrhunderts, in einer Nationalgalerie - obwohl doch rein staatlich gesehen all diese Bilder in Österreich entstanden waren, also unter der k.u.k. Monarchie. Was aber war, staatsbürgerrechtlich gesehen, C.D. Friedrich damals gewesen? Deutscher jedenfalls nicht, der Nationalstaat kam erst 1871.

Wie dem auch sei, die Sammlung öffnete dem Deutschen die Augen, ein Stück weit. Die gewohnte Bilderwelt - von Friedrich bis Liebermann - rückt an den Rand und in den Fokus treten Bilder, von denen er nie etwas gesehen hatte. Und was dem künstlerisch (oder kunstgeschichtlich) geschulten Betrachter sicherlich nicht unterlaufen kann, wird dem politisch geprägten Besucher zur Entdeckung hinter einer kleinen Hürde. Weil der nationale Bauer, was er nicht kennt, nicht schätzt, richtet sich sein unbewusster Maßstab zwischen mehr oder weniger gut nach dem Bekanntheitsgrad. Wenn aber diese mentale Hürde erst einmal übersprungen ist, tut sich eine neue Welt auf.

Wer zum Beispiel Adolf Kosáreks Gemälde (oder die danebenhängende Skizze zu) "Verlassene Landschaft (Hochzeit auf dem Lande)" in seiner tagschwarzen Verzweiflung gesehen hat, wird von der Suggestion dieses Malers und seines "nationalen" Umfeldes so schnell nicht mehr lassen. Und selbst wer von Genre-Bildern bisher so gut wie gar nichts halten mochte, wird bei Quido Manes den Abstand zu "unserem" Spitzweg spüren. Und wer wegen seiner Caspar David Friedrichs kam, und wiederkommen wird, kommt auch wegen Bedrich Havráneks "Jüdischen Friedhofs in der offenen Landschaft" wieder - und sei es wegen der Verwandtschaft der beiden Motivwelten.

Kultur - verbindet sie oder trennt sie Nationen? Beides!

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