Wer sich der Stimme dieser Frau (oder auf anderen Linien: der ihres männlichen Kollegen) anvertraut, kann die Fahrten als kleines Sprachlabor benutzen. Nach vierzehn Tagen sollte man dann zum Beispiel den Stationsnamen K_i_ikova korrekt aussprechen können. Wenn man indessen die Omnibusse hinaus zu den riesigen Stadtrandhotels mit ihrem bisweilen schütteren Charme nutzt, ist man sogar noch besser dran. Denn dort begleitet einen nicht nur die Stimme der Frau, sondern alles, was sie sagt, erscheint zugleich buchstabengetreu in roter Schrift auf einem Täfelchen. Hier also kann man sich Buchstaben, Worte und Laute synästhetisch einprägen. Weshalb freilich eine Haltestelle in der Metro (sprich: Mätro) stanice heißt, auf der Buslinie aber zastávka, das bleibt eine offene Frage. Dafür lernt man dann aber, dass das diakritische Dehnungszeichen á nur zu einer relativ kurzen Dehnung des Vokals führen darf. Und dass trotzdem die erste Silbe zu betonen ist.

Dank dieser fürsorglichen Stimme, die die Prager durch die Stadt und uns Besucher ins Tschechische führt, könnte man nach zwei Wochen den Eindruck gewinnen, dies sei eigentlich doch eine recht einfache Sprache. Welch Irrtum – und zugleich welche Wahrheit! Einerseits fürchterlich schwer, auch in der Aussprache – andererseits höchst zuverlässig und einfach in der Übereinstimmung zwischen Schreibung und Lautung. Wie in allen Sprachen, wie zum Beispiel auch im Walisischen (beim Neu-Norwegisch wäre das noch zu prüfen, nach Rückkehr) – wie in allen Sprachen, die erst im Sprach- und politischen Nationalismus des 19. Jahrhunderts neu verschriftet und zur Hochsprache, zur literaturfähigen und modernen Verwaltungssprache ausgebaut wurden, hatten die wenigen Konstrukteure bei diesem Prozess auf die perfekte und eindeutige Repräsentation der Laute im Schriftbild geachtet: Einmal so, immer so. Hingegen die alten Sprachen – sie sind in diesem Punkt so variantenreich unzuverlässig wie das Englische und das Polnische. Nationalismus und Moderne haben sich also (nicht nur) an dieser Stelle paradox verbunden. (Eine kleine Ahnung von den paradoxen Vorteilen haben wir Deutschen – nur begrenzt – erfahren, als in unser kürzlich veran- und verunstalteten Rechtschreibreform eben diese Lautidentität angestrebt und doch wiederum verfehlt wurde: Filosofie – etc.pp.)

Abschied also aus einem Museum (und Laboratorium) europäischer Geschichte. Abschied von einer Frau – oder doch wenigstens von einer Sprache, Abschied von einer Sprache – oder doch immerhin von ihrer Fone... pardon: Phonetik! Na shledanou – Auf Wiedersehen. Oder doch wenigstens: Na sly_enou! – Auf Wiederhören. Und: Küss’ die Hand, gnä’ Frau! (Damals übrigens, phonetisch missverständlich, geschrieben: Küß’ die Hand...)

Bis die Tage!

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