Na gut, lassen wir die Kirche im Dorf. Reichlich Protest gibt es dafür gegen das Zuwanderungskonzept Otto Schilys, und zwar von der Grünen-Vorsitzenden. "Roth lehnt Zuwanderungskonzept ab", meldet der "Tagesspiegel" auf der Eins. Und tatsächlich scheint der Bundesinnenminister die Zustimmung für das Gesetz, dass die Einwanderung nach Deutschland regeln soll, nicht in erster Linie beim Koalitionspartner zu finden. "Schily sucht bei Zuwanderung Nähe zur Union", textet die "Süddeutsche Zeitung" im Aufmacher. Passend zum Thema die Meldung, dass noch immer 456 Flüchtlinge auf einem Frachter vor der Weihnachtsinsel dümpeln: "Gefangen an Bord der Tampa", schreibt die "tageszeitung" dazu.

Ansonsten beherrschen Fortsetzungsgeschichten die Titelseiten der heutigen Tageszeitungen: "Drohungen, Blockaden und neue Bedingungen belasten den Friedensprozess in Mazedonien", schreibt die "Frankfurter Allgemeine", "Rückschlag für Mazedonien", die "Frankfurter Rundschau". Die "Welt" sucht das Auflagenglück weiterhin in dem Verhalten unseres verknallten Verteidigungsministers und meldet: "Neue Rätsel um Scharpings Flugverhalten". Und im "Handelsblatt" lesen wir heute: "Firmengewinne stürzen ab."

Zuwanderungsgesetz in der Kritik

Mit den Grünen habe Otto Schilys Entwurf für ein neues Zuwanderungsgesetz "nichts aber auch gar nichts" zu tun, sagt deren Parteichefin Claudia Roth. Und auch Teile der Unionsfraktion sind in Sachen Zuwanderung auf Krawall gebürstet. So kündigte CSU-Vizechef Horst Seehofer bereits ein "striktes und eindeutiges Nein ohne Wenn und Aber" an. Nach anfänglichem Lob über Schilys Papier scheinen die Parteigremien nun ihre Arbeit getan und den Gesetzesentwurf auf Parteiverträglichkeit und Wahlkampftauglichkeit abgeklopft zu haben. Dabei rührt jeder im eigenen Topf: Kritisieren die Grünen insbesondere die Hürden für eine befristete Aufenthaltserlaubnis von Flüchtlingen sowie das niedrige Nachzugsalter von Familienangehörigen, will die Union vor allem die Abschiebepraxis einfacher gestaltet sehen. Wie soll sich Schily verhalten? Kommentator Markus Feldenkirchen im "Tagesspiegel" hält wenig von Zugeständnissen an die Union: "Das Thema Zuwanderung klingt für die Konservativen einfach zu verlockend, um es als Wahlkampfthema vorzeitig aus der Hand zu geben. Außerdem wäre mit einer Umarmung der Union eine handfeste Koalitionskrise programmiert."

Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung" ahnt nichts Gutes: "Es wird ein Recht de luxe geben, für die besonders nützlichen Ausländer, Zuwanderer genannt; diesen Teil des Gesetzeswerks, der Lob verdient, wird sich der Kanzler ans Revers heften. Und es wird ein minderes Recht geben für Ausländer, die man nicht oder nicht mehr oder nicht besonders braucht; mit diesem Teil des Gesetzes wird die Union für sich werben."

Scharping in der Mangel

Bis es zur Debatte kommt, versucht die Union aber noch, aus der Lovestory Rudolf Scharpings politisches Kapital zu schlagen. Das wirkt zwar - Scharpings Vorstellung von Öffentlichkeitsarbeit mal beiseite gelassen - ein wenig verkrampft, ist aber oppositionspolitisch gesehen in Ordnung. Jetzt soll Scharping über auffällig viele Flüge mit der Flugbereitschaft von Berlin nach Frankfurt, dem Wohnort seiner Partnerin, Auskunft geben. Ziel all dieser Aktionen ist natürlich der Sturz des Ministers. Gerhard Schröder, als Bundeskanzler nun mal der Boss von Scharping, verteidigt seinen Minister mit dem pauschalen Hinweis, man möge doch die Kirche im Dorf lassen. "Solche Appelle offenbaren schiere Defensive", meint Wolfram Weimer im Titelkommentar der "Welt" und weist - im Bild nicht ganz stimmig - darauf hin: "Schon sieben Mal musste Schröder Ministerkirchen aus seinem Dorf holen.". Allerdings: Was kann Schröder noch ausrichten, wenn sein Minister selbige Dorf-Kirche doch immer wieder schnurstracks in die Hände der Gegner bugsiert?