Doch die Demokratie ist nicht für den großen Theaterdonner geschaffen. Jeder will ein Wörtchen mitreden und deshalb fließen die politischen Prozesse zäh wie halbwarmer Schokopudding. Ein Spiegel dieses Zustands sind die heutigen Schlagzeilen der Tagespresse. Die Frankfurter Allgemeine macht mit der Debatte über die Einwanderung auf: "Grüne gegen Schilys Einwanderungskonzept / Westerwelle: Zustimmung der FDP sicher". Die "Frankfurter Rundschau" titelt mit der Diskussion um den Verteidigungsminister: "CDU erhöht Druck auf Scharping". Auch die "Süddeutsche Zeitung" kommt nicht um die Rede übers Gerede herum: "Koalition streitet über Weg aus der Arbeitslosigkeit". Allein das "Handelsblatt" versorgt uns mit hartem Nachrichtenstoff: "SAP und T-Aktie ziehen den Dax auf Zweijahres-Tief" steht über dem Aufmacher.

Abseits der großen Themen amüsieren heute zwei kleine Nachrichten aus der wundersamen Welt der Liebe. Die "Bild" hat heute ein Nacktfoto des drallen B-Stars Samantha Fox auf dem Titel und berichtet halb schockiert, dass Frau Fox eine lesbische Hochzeit mit ihrer Managerin Myra Stratton eingehen will. Der "Tagesspiegel" hingegen weiß, dass das Spiel auch anders herum laufen kann. Auf der Seite "Aus Aller Welt" ist nachzulesen, dass Anne Heche, die langjährige Lebensgefährtin von Ellen DeGeneres, in Los Angeles einen Kameramann geheiratet hat. Ihn lernte sie bei den Dreharbeiten zu einer Dokumentation über ihre ehemalige Freundin DeGeneres kennen. So kunterbunt geht es zwischen den Geschlechtern manchmal zu. "Und das ist auch gut so", würde ein bekannter Berliner Politiker jetzt sagen.

Politik und Gewissen

Die Abstimmung über den Mazedonien-Einsatz der Bundeswehr verlief nicht ganz reibungslos. 19 Abgeordnete der SPD und fünf der Grünen verweigerten ihr Zustimmung. Daraufhin peitschte SPD-Generalsekretär Müntefering die "Abweichler" seiner Partei mit der Drohung, ihnen bei der nächsten Bundestagswahl die sicheren Listenplätze zu entziehen. Dafür überziehen ihn heute die Kommentatoren mit heftiger Kritik. Die "Frankfurter Rundschau" nennt sein Verhalten schlicht "vordemokratisch": "Noch gilt die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland, und folglich sind die Mitglieder des Parlaments ‚Vertreter des ganzen Volkes, an Aufträge und Weisungen nicht gebunden und nur ihrem Gewissen unterworfen’". Selbst wenn sich Müntefering erdreiste, dieses Verfassungsgebot zu ignorieren, könne er nur mit seinen Einschüchterungsversuchen nur Pyrrhus-Siege erzielen, ergänzt Daniel Goffart im "Handelsblatt": "Wie glaubwürdig ist denn nach den jüngsten Drohungen der SPD-Spitze gegen die ‚Abweichler’ in ihren Reihen noch das Gerede Münteferings von der Öffnung der SPD, vom Zurückdrängen der Gremien, von freier Listenwahl und Förderung unabhängiger Kandidaten?"

Auch Christian Semler, Kommentator der "tageszeitung", verurteilt Münteferings Vorgehen. Aber er stellt als Einziger auch die Abgeordneten in Frage. Grund dafür ist deren Verhalten bei der Abstimmung über die NATO-Luftangriffe auf Jugoslawien 1999. Damals regte sich in Sachen Gewissen nichts. "Normalerweise wäre eine Gewissensargumentation einsehbar, die sagt: 1999 war zur Not noch tolerierbar, aber jetzt reicht’s. Tatsächlich verhält es sich umgekehrt. 1999 standen Menschenrecht und Völkerrecht gegeneinander. 2001 aber geht es nicht ums Bombardieren, sondern ums Waffeneinsammeln. Das Gewissen geht eben manchmal seltsame Wege."

Börse und Justiz

Wohl dem, der sein Geld nach alter Väter Sitte in seine Kinder oder den Sparstrumpf gesteckt hat. Alle, die stattdessen an der Börse investiert haben, werden derzeit grausam abgestraft. Wie das Handelsblatt in seinem Aufmacher berichtet, fiel der Dax gestern zeitweilig auf 5062 Punkte, den tiefsten Stand seit zwei Jahren. Der Nemax, der Index für die Technologie-Titel, sank währenddesssen auf 994 Punkte und erkränkelte sich damit einen neuen Minusrekord. Erstaunlicherweise bekannte der Vorstandssprecher der Deutschen Bank Rolf Breuer gestern, dass die Banken an dem Desaster mitschuldig sind. Nach Angaben der "Welt" sagte Breuer in Frankfurt, die Banken müßten die Börsenkandidaten künftig sorgfältiger auswählen. Auch müßten sich die Analysten stärker zurückhalten.