Recht so, und nicht nur, weil für Arafat und den israelischen Außenminister Peres gilt, was Bismarck über den Briten Disraeli und dessen Widersacher Gortschakow zu sagen hatte: Beide seien "gleichermaßen von gefährlicher Eitelkeit" geprägt. Heute geht die Sache tiefer. 1878 war der große Krieg von 1914 noch weit weg. Jetzt ist er schon da - siehe die mörderische Eskalation in dieser Woche. Damals hatten sich Briten und Russen schon geeinigt, bevor sie Bismarck beehrten, heute aber wollen die Nahost-Krieger erst den Willen der anderen Seite brechen. Nur die Erschöpfung wird sie wieder an den Verhandlungstisch treiben. Fischer hätte sich länger zieren müssen - wie Bismarck, der dem Drängen der Russen erst nach zwei Jahren nachgab.

Natürlich wäre Berlin 2001 ein hübscher Coup, zum Nutzen Deutschlands wie zum Frommen Fischers. Aber noch sind Bismarcks Schuhe zu groß für seine Erben. Das Land ist weder strategisch noch gesellschaftlich auf die Rolle vorbereitet, die andere ihm zutrauen. Umringt von mächtigen Gegnern, musste das Reich Große Politik betreiben. Aber heute? Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist Deutschland umzingelt nur von Freunden; es geht nicht mehr um Existenzielles, sondern um Bosnien, Kosovo, Mazedonien- um Gewissens-, nicht Interessenkriege.

Zudem ist eine Doppel-Lektion nachgerade genetisches Programm der Deutschen geworden. Alleingänge, Großmannssucht endeten ein jedes Mal in noch größerem Desaster: von Wilhelm bis Adolf. Das Gegenteil aber, Bescheidung im europäischen wie im atlantischen Verbund, geriet zur Erfolgsstory sondergleichen. Für die Bundesrepublik wurde wahr, was Bismarck nur behaupten konnte: dass Deutschland keine weiteren Ambitionen habe, dass es "saturiert, konservativ und friedlich" sei. Warum also ein neues Skript?

Die Frage drängt sich umso mehr auf, als die Gesellschaft dieses Landes nicht gerade einem neuen "Platz an der Sonne" entgegenfiebert. Eine klare Mehrheit hat sich gegen den Einsatz in Mazedonien ausgesprochen - wie im Falle Bosnien und Kosovo. Was könnte die Befindlichkeit der Deutschen besser plakatieren als ein planschender Verteidigungsminister auf Mallorca, derweil sein Kanzler die Bataillone im Bundestag sammeln muss und der Außenminister in Nahost Mission: Impossible probt? Ein glückliches Land, dessen Verteidigungschef baden geht.

Eine politische Kultur, in der 500 Soldaten für Mazedonien zur Quälerei geraten, ist für die Große Politik nicht gerüstet. Sich über die Neue Nüchternheit zu mokieren wäre aber ebenso deplatziert, wie neidvoll auf die Freunde zu zeigen. Mag sein, dass sich Amerika, England, Frankreich noch einen Rest von Kriegerethos bewahrt haben. Doch auch dort, wie in jeder postmodernen Demokratie, herrscht das Zinksarg-Syndrom. Warum Opfer für andere bringen, wenn das "nationale Interesse" (gibt's das noch?) so diffus und abstrakt ist? Die Barbaren stehen nicht vor den Toren, der Verteidigungsfall ist nicht gegeben.

Zupfen am deutschen Ärmel

Wenn da bloß nicht all die anderen wären, die immer insistierender am deutschen Ärmel zupfen, die Palästinenser und die Mazedonier, die Nato und die EU. Welch Ironie: Früher drängelten die Deutschen, jetzt werden sie gedrängelt. Und Fischer kontert zu Recht: ",Wir sind wieder wer!' gibt's mit mir nicht." Was dann, wenn "Joschka Bismarck" eine Nummer zu groß, wenn "Reingehen und draufhauen" gar eine Un-Nummer ist? So schwer ist die Antwort nicht.