Dass Rudolf Scharping sich auf der Schnittstelle zwischen privatem und öffentlich-politischem Leben mit der tollpatschigen Eleganz einer Romanfigur von Martin Walser bewegt, wird zum Gegenstand einer in Friedenszeiten immer sprungbereiten Kriegsberichterstattung. Die Redakteure ziehen sich Splitterwesten an und begeben sich in die Schützengräben. Der Mann muss weg. Feuer!

Der Spiegel leistet sich einen Ausbruch kostenloser Sittlichkeit und sorgt sich angesichts der vorerotischen Operettenbilder eines Liebespärchens in gehobener Stellung um die Moral der Truppe. Ach, die Truppe. Ihre traditionellen Spinddekorationen belegen ganz andere Entsagungen als diejenigen, welche die christlichen, ganz und gar indignierten Oppositionspolitiker Rudolf Scharping und seinem Kabinettschef nun zumuten wollen: Rückzug des leicht bekleideten Befehlshabers in die permanente Sommerfrische.

Mein Gartenzwerg

Würde er ihrem Ruf folgen, stünde er als Spielverderber der modernen Massendemokratie da. Er selbst verkörpert ja die Malaise einer medial bestimmten Republik und wird als Exempel weiter benötigt. Viele ihrer gewählten Repräsentanten haben das Vertrauen in die politische Vernunft der Wählermehrheit längst verloren. Dass sie klüger, weitsichtiger und um das Gemeinwohl besorgter sein sollen als die Masse der Bürger, scheint ihnen ein beschämender Auftrag zu sein. Unter dem Banner der Gleichheit sind sie gewillt, Politik als human interest story mit inbrünstiger Harmlosigkeit zu inszenieren. Wer als politisch Mächtiger den Bürgern erzählen will, die Macht habe ihn nicht korrumpiert, in Wirklichkeit sei er ein liebenswürdiger, jovialer Jedermann, bedient sich der bewährten, einschmeichelnden Methode: Sehet, dies ist mein Weib, mein Kind, mein Vorgarten, mein Gartenzwerg, die ganz banale Nichtigkeit meiner vorpolitischen Existenz. Ich bin, soll die beliebte Home-Story sagen, einer von euch. Wählt mich und meine Ikea-Möbel, und ihr seid gegen Überraschungen gefeit. Was dann meistens zutrifft.

Dass bei diesem Zwischenhandel die Presse der Auflagen- und Quotengewinner ist, wird von beiden Seiten einkalkuliert. Die missbrauchten Medien bewahren in diesem Geschäft ihren Verfassungsmut vor allem als politische Theaterrezensenten. Wem die glänzende Beweglichkeit des Bundeskanzlers fehlt, wer stattdessen wie Scharping einem gusseisernen Ofen gleich auf der Bühne steht, wird verrissen - mit um die Republik besorgter Hohnfalte im Kritikergesicht: Ernste Entertainer braucht das Land, nicht liebestolle Amateure mit Imageproblemen.

Politische Öffentlichkeit verkommt so zu Talkshow und publizistischer Provinzposse. Längst beschädigt sind die eigentlichen Podien von Politik - die Parlamente in Stadt, Land und Bund. Wichtigkeit und Ernst ihrer Arbeit sind inzwischen fast geheim, ihr durchaus vorhandener Unterhaltungswert im Aufmerksamkeitsdefizit des Fernsehvolkes bereits als Verlust verbucht. Wir sind eine unernste Nation geworden - vielleicht ist das der einzige Fortschritt in einer politischen Lage, in der es sonst nicht viel zu lachen gibt. Aber komisch ist es nicht.

Siehe auch: Verbissen glücklich, Seite 2