Keine guckt, nicht eine. Nicht in Frankfurt und nicht in Berlin, nicht im Gallusviertel, nicht in Mitte, nicht in Schöneberg. Man steht mit dem schönsten Auto weit und breit vor der Ampel, und es guckt einfach keine!

Am Fahrer soll es nicht liegen. Weder trägt er Pilotenbrille noch ein champagnerfarbenes Lederjackett. Es ist schlicht unbegreiflich. Eine Freundin bietet so etwas wie eine Erklärung an: Frauen, sagt sie, vor allem die mit Klasse, würden grundsätzlich wegsehen, wenn Männer in ungewöhnlichen Autos sitzen, schon um ihnen die Genugtuung zu verweigern. Können diese Worte trösten?

Natürlich fährt man keinen XK8, um Eindruck zu schinden. Ein "Jag" wird um seiner selbst willen gekauft, weil seine Formen erfreuen, seine Details, das Fahrgefühl. Aber dass so überhaupt keine guckt?! Man beginnt den Mythos zu hinterfragen - und entdeckt einen neuen. Vielleicht ist die Erklärung, dass dem XK8 bei aller Exklusivität etwas überraschend Selbstverständliches anhaftet. Selbstverständlich nicht im üblichen Sinne - ein 150 000-Mark-Auto mit Haifischschnauze und flacher Karosserie ist kein Passat. Und doch wirkt dieser Jaguar auf elegante Weise unauffällig, was daran liegen mag, dass er einfach aussieht, wie ein Sportwagen aussehen muss, ziemlich genau so, wie ein kleines Kind einen Sportwagen malen würde.

Perfektion schmeichelt dem Auge, aber sie fordert es nicht heraus. Dass niemand hinschaut, weil jeder instinktiv empfindet, dass da was ist, was da so hingehört, das hat auch Vorteile: Berlin, Waldbühne, Vorfahren vor dem Prominenteneingang, zwischen einer grünen Minna und einem Rettungswagen parken, zwei Stunden U2 hören, zurückkommen, aufschließen und abfahren - das geht mit diesem Cabrio; ein Audi wäre abgeschleppt worden.

Schlecht als Dienstwagen: Der Jaguar von Giovanni di Lorenzo

Das Verblüffende am Jaguar ist die Wahrnehmungskluft zwischen denen, die ihn fahren oder fahren sehen, und denen, die nur über ihn reden. Giovanni di Lorenzo, der Chefredakteur des Berliner Tagesspiegel, musste diese Erfahrung machen. Niemand hätte Anstoß genommen, wäre seine Dienstwagenwahl auf einen gut ausgestatteten 5er-BMW gefallen. Aber der - preiswertere - Jaguar (S-Type) rief die Missgünstigen auf den Plan. Dabei dürfte der S-Type noch weniger Blicke auf sich ziehen als ein gut aussehender Chefredakteur in einem Polo.

Einen XK8 fährt man so, wie man sich einen Schmidt-Rottluff ins Schlafzimmer hängt; man freut sich still. Auch die Freundin strahlt, als sie endlich eingestiegen ist: klare Formen, ein Armaturenbrett, das wirkt, als sei es aus einem Baumstamm gezimmert, gelegentlich unterbrochen von klassischen Rundchronografen. Der Jaguar des 21. Jahrhunderts bietet kein Retro-Design mit künstlich-vergilbten Zifferblättern wie Rover, sondern den selbstbewussten Transfer einer ästhetischen Tradition.