Die Eisfee, den Kobold, den Troll hatten wir schon, desgleichen die Mondfrau, die Elfe, die Eskimobraut samt ihrem Gespür für Schnee. Auch die Kreuzung aus Geisha und Kaiserin, von Björk vor vier Jahren zur Schau getragen, ist nicht mehr ganz up to date, seit Heerscharen von künstlichen Wesen dem Computer entstiegen. Doch wer so viele Rollen anzieht, findet immer noch eine weitere. Das Entlein schaut in den Spiegel und entpuppt sich als ... Schwan.

Marjan Pejoski, der bekannte Designer, hat das Federkleid für den 2001er-Look entworfen. Es bauscht sich ein wenig am Hintern, scheint aus weißem Tüll gewirkt und verfügt als besonderen Clou über ein echtes Schwanenhalsimitat, das sich nach Art einer Boa um den Nacken seiner Trägerin schlingt. Dazu spielt Sphärenmusik. Vespertine heißt Björks jüngstes Album, was so viel bedeutet wie Dämmerung, Abendmahl, Abendgebet, wohl auch: Daseinsfeier, Liebesfest. Festlegungen in der Frage sind nicht nur schwierig, sondern von der Künstlerin unerwünscht.

Björk Gudmundsdottir - eine Popsurrealistin eigener Schule, unbesorgt im Hantieren mit Kitsch und Kunst. Sie schätzt es, wenn die Dinge sich im Fluss befinden. Wenn Figuren frei vor sich hin luxurieren und Identitäten verwischen, bis hinter der Alltagsperson das Traumbild sichtbar wird. Dass Menschen Tiergestalt annehmen - war das nicht schon in den Sagen so? Und Frauen mit Schwänen gibt es bei Max Ernst auch. Schon deshalb lohnt es sich nicht, allzu viel Bedenken aufs Formale zu verwenden. Björks erstes Gebot: Liebe deine Obsessionen wie dich selbst. Das zweite: Wer keinen Mut zur Fantasie mitbringt, ist selbst schuld. Den schönsten Satz in eigener Sache hat sie einer anderen, Madonna, auf den Leib geschrieben. Let's get unconscious, baby!, ihre Variante vom Schlaf der Vernunft. Anders aber als Madonna Ciccone verfügt Björk nicht nur über Strategie, sondern auch über Stimme.

Ein Organ, "das jeden Hundeschädel im Umkreis von zehn Meilen sprengt", hat der britische New Musical Express ihr vor Jahren attestiert. Für Vespertine lassen sich keine wesentlichen Veränderungen konstatieren. Björk singt immer noch, als müsse sie die Schöpfung erweichen: flehentlich, überartikuliert, beschwörend - Neigung zur Hyperventilation inbegriffen. Wenn je das Wort "Sirene" auf eine Popsängerin zutraf, dann auf Björk: Wenn sie house meint, klingt es wie 'aoussse, asleep explodiert auf der Schlusssilbe. Der physische Akt des Malens von Lauten drängt sich in den Vordergrund, und auch wenn das Atmen und Beben gelegentlich einen simplen Refrain ansteuert, in eine Popmelodie mündet - das feine Nervenzittern darunter verklingt nie ganz.

Neu ist die Art, wie sie es mit Klängen aus dem Powerbook verwebt. Einen sage und schreibe 60-köpfigen Chor hat sie auf Festplatte gespeichert, ein ebenso starkes Sinfonieorchester aus ihrer Heimat Island. Sie sorgen für Klangwolken, die das Geschehen kathedralisch überwölben. Darunter aber rauscht das Silizium. Björk Gudmundsdottir aus Reykjavík, in Jahren des Umherziehens zur Ikone herangereift, kooperiert mit Kräften neuester Computeravantgarde: dem Duo Matmos aus San Francisco, britischen Szenegrößen, auch deutschen Elektronikbastlern. Es drängt das Technobegehren im Wechselspiel mit einer Stimme, die über den bloßen Wohlklang hinauswill. Sie selbst beschreibt es in einem ihrer Tracks: On the surface simplicity, but the darkest pit in me is pagan poetry.

Heidnische Poesie - kein schlechtes Stichwort. Man muss dabei nicht nur an Island denken, wo, so will es zumindest die Björk-Folklore, Schnellstraßen um die Wohnstätten von Elfen herum gebaut werden, damit diese ungestört bleiben. Wo die Extreme ebenso pittoresk wie eruptiv aufeinander prallen: das Feuer und das Eis, die Natur und die Technik. Wo, nüchterner gesprochen, in den letzten 60 Jahren eine Entwicklung durchlaufen wurde, für die andere Länder Jahrhunderte Zeit hatten, sodass heute die in Mobiltelefonen, in Satellitenschüsseln eingefangenen Stimmen sich umso beseelter mit den Geräuschen der Natur mischen. Das alles ist es nicht allein. Es gibt darüber hinaus eine Tradition "heidnischer" Bildlichkeit, die sich von den Mystikerinnen des Mittelalters bis ins Herz der Popkultur verfolgen lässt.

"Dyslexische Diven" werden die Rebellinnen gegen die symbolische Ordnung von Simon Reynolds und Joy Press in ihrem Buch Sex Revolts genannt: Frauen, die sich mit den Mächten der Auflösung verbinden, die die Symbole der Christenheit melodramatisch uminszenieren wie Madonna, in Zungen reden wie Patti Smith. Björk Gudmundsdottir ähnelt ihnen in der Art, mit der sie den Sprachfluss zerhackt, sich Eingebungen überlässt, das ureigene Drama über bestehende Grenzen hinweg verfolgt, doch hat sie ihre Visionen radikaler den technischen Neuerungen angepasst. Während die Rockrebellion, auch die weibliche, die elektrische Gitarre zum Fetisch eines "natürlichen" Sounds erhebt, verwirklicht sich ihr Mystizismus digital. Unter den Posen liegt der Strand: Smith und Schwestern entwerfen bloß ein weibliches Gegenbild zum Machismo des Rock, Björk schießt die phallische Inszenierung selbst in den Wind.