Die blauen Holzlatten könnten mal wieder ein bisschen Farbe brauchen, und die Neonreklame hat einen Wackelkontakt. Doch das störte den Kommunalverband Ruhr (KVR) nicht, und so kürte er die kleine Bude zum "schönsten Kiosk im Ruhrgebiet". Rund 16 000 dieser Trinkhallen standen zur Auswahl, diese Dichte ist Weltrekord. "Die Bude an der Ecke gehört im Revier zur Kultur", begründet der KVR die Aktion und nahm die von Dagli offiziell in die "Route der Industriekultur" auf. Unter dem Motto "Kohle, Stahl und Bier" werden Besucher von Dortmund über Herne bis nach Duisburg geführt, unter Tage, auf die Halde und zum Hochofen. Am Ende liegt Ruhrort, und wer die blaue Bude erreicht hat, wird dem Charme des kleinen "Schnuckerparadieses" kaum widerstehen können.

Dagli mag seinen Beruf, und die Menschen hier mögen ihn. "Datt is 'nen ganz sympathischen, netten Mann", schmeichelt die Nachbarin und packt ihre Zigaretten ein. Tabak und Alkohol und eben die Brötchen. Und im Sommer natürlich das Eis. Wenn es regnet, laufen die Geschäfte schlecht. Nur die Stammkunden bleiben treu, Stammkunden braucht jede Bude. Die kommen täglich und erzählen. Dagli selbst spricht nicht viel, aber er hört zu. Und er lächelt aus seinem blauen Fenster. Wie lange noch? "Immer."

In die Altenbochumer Straße wird sich kaum je ein Tourist verirrt haben, und von Kohle und Stahl ist in der ruhigen Wohnsiedlung nichts zu sehen. Karl Hoppe lässt es langsam angehen, und auch wer an seine Bude kommt, braucht Zeit. Vormittags fährt Hoppe Wasser und Bier aus, und ab drei sitzt er dann in seinem Kiosk auf der Ecke. Selten allein, denn seine zwei Kumpels von nebenan kommen jeden Tag auf ein Bierchen vorbei. Fußball und Politik stehen für die drei von der Schankstelle auf der Tagesordnung. "Seit 45 Jahren lebe ich von Zigaretten und Bier", erzählt Hoppe, aber die Zeiten werden schlechter. Früher, als die Bochumer Bude nicht mehr war als ein Bretterverschlag, gab es die Pulle "Knickelwasser", das Mineralwasser mit patentiertem Kugelverschluss, für sieben Pfennig, und der Betreiber hatte immer auf. Da war die Bude noch der "Kurort des kleinen Mannes".

Gemischtes für eine Mark

Heute sitzt Hoppe in einem massiven Häuschen mit Rollladen vor dem Fenster. "Hier bricht so leicht keiner ein", aber die runderneuerte Zechensiedlung macht auch nicht den Eindruck, als sei hier überhaupt schon einmal jemand eingebrochen. Wenn Hoppe sein Nickerchen macht, müssen die Kleinen schellen, um ihr Taschengeld in neuen Fußballbildern anzulegen. Oder in Gemischtes für eine Mark. Dann greift der Karl zur Zange und stopft Stück für Stück saure Gurken, weiße Mäuse und Salzdiamanten in kleine Papiertüten. Er kennt alle Stöpsel, ihre Eltern und ihre Hunde. Und er kennt die Alten, die morgens die WAZ und abends den Schnaps holen.

Schweigend legt Johnny vier Groschen in die Schale und zieht mit zwei Zigaretten von dannen. "Der holt sich immer nur zwei Stück, der will aufhören." Die Kunden und ihre Sonderwünsche kennt Secil genau, kaum einer muss bei ihr was bestellen. Die Bude an der Schleswiger Straße im Dortmunder Norden ist ihr zweites Zuhause, die Wohnung der Familie liegt direkt darüber. Nach der Schule hilft die 14-Jährige im Familienbetrieb, und wenn die Eltern mal weg sind, schmeißt sie die Bude auch allein. Die Kleine ist gut für den Umsatz, die Kunden mögen sie. "Manche Jungs vergessen immer was, um noch mal wiederzukommen." Und dann schenken sie ihr das Leergut. Denn die Bude von Familie Cetin ist mehr als nur ein Kiosk. Treffpunkt, Sozialstation und Polizeiwache. Als die Transvestiten ihren Straßenstrich an die Schleswiger Straße verlegen wollten, sammelte Vater Cetin an seiner Bude Unterschriften, und wenn er die Schüler von nebenan beim Rauchen erwischt, setzt es was. Die alte Zuhälterin mit ihren rosa Stiefeln ist dagegen gern gesehen, sie gehört zum Viertel. Neben den Kondomen steht jetzt auch Viagra blue im Fenster, doch der kleine Wodka ist ein Ladenhüter.

Mittlerweile verkaufen Cetins alles: Linsensuppe und Eintopf aus der Dose, Zahnpasta und eine Geburtstagstorte zum Aufblasen. Das komplette Haribo-Sortiment und zehn Sorten Sekt. Und Pokémon? "Ist out", weiß Secil, "jetzt kaufen die Kleinen Monster Rancher." Fünf Bilder für 70 Pfennig. Secil weiß nichts über die lange Tradition der Buden, über die Zechenzeit und das "Knickelwasser". Für sie ist das ganze Viertel ein Rummelplatz.