Giovanni di Lorenzo, 42, ist Chefredakteur des Berliner "Tagesspiegel" und moderiert seit zwölf Jahren mit Amelie Fried die Talkshow "III nach 9" bei Radio Bremen. Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit sind für den Sohn einer Deutschen und eines Italieners große Themen. Mit 22 schrieb er sein erstes Buch, "Stefan, 22, deutscher Rechtsterrorist", 1992 war er Mitinitiator der Lichterkette in München, wo er nach dem Abitur in Hannover Kommunikationswissenschaften studierte. Danach arbeitete er bei der "Süddeutschen Zeitung", zunächst als politischer Reporter, dann als Leiter des Reportageressorts "Die Seite Drei".

Gelasios cholerische Ausbrüche waren sagenhaft. Einmal öffnete er das Fenster des Klassenzimmers, sang zitternd und bebend vor Wut ein Lied von Modugno, nämlich Volare, und feuerte die korrigierten Klassenarbeiten, eine nach der anderen, zum Fenster hinaus. Eine Szene wie aus einem Film mit Louis de Funès. Gelasio ist mir aber auch deshalb in Erinnerung, weil ich in seine Tochter verliebt war - eine sehr melancholische Liebe. Denn ich hatte das Gefühl: Das darf nicht sein. Da war ich acht Jahre alt.

Bis zur dritten Klasse besuchte ich die Volksschule in Rimini, wo wir mit Oma, Opa, Tanten und Onkels in einem Haus wohnten, zu dem auch die Wollfabrik meines Großvaters gehörte. Für uns Kinder war sie das Paradies. Die tollen Maschinen, die Arbeiter, die immer Zeit für uns hatten. Im Parterre des Hauses war der Laden. Manchmal habe ich mich dort ins Schaufenster gelegt, zwischen die Wollknäuel. Ich fand das gemütlich.

Als mein Vater seine Promotion abgeschlossen hatte, zogen wir nach Rom. Vater war sehr intellektuell. Wegen seines ausgeprägten Bildungsticks habe ich ihn immer als so etwas empfunden wie heute das dritte Programm. Doch ein Fernseher kam ihm nicht ins Haus. Die Sonntage gehörten Proust, russischen Pianisten oder so.

Aus Rimini wegzugehen schmerzte. Noch schmerzhafter war es aber, von Rom nach Hannover zu ziehen. Meine Eltern hatten sich getrennt, und in Hannover lebte die Familie meiner Mutter. Für mich war es die Hölle auf Erden. Ich konnte nur wenig Deutsch, war an Rom gewöhnt und kam in eine Stadt, deren City geprägt war durch Kaufhäuser, nicht durch Kirchen und piazze. Heinemann war Bundespräsident, Willy Brandt hatte gerade seinen triumphalen Wahlsieg gefeiert, sich aber vorhalten lassen müssen, ein uneheliches Kind zu sein. Eine barbarische politische Kultur. Und wenn meine deutsche Großmutter in ihrer Wohnung schlecht über die Nazis redete, senkte sie die Stimme, weil sie Angst hatte, dass die Nachbarn es mitkriegen.

Ich war 15 und gerade zum Schülersprecher gewählt worden, als ein Oberstudienrat, der mich nicht einmal persönlich kannte, vor versammelter Klasse erklärte: "Di Lorenzo - diesen Itaker sollte man aufhängen." Der Schulleiter stellte den Lehrer zur Rede, zog aber keine weiteren Konsequenzen, weil er um den Ruf seiner Schule fürchtete. Der einzige Vorfall dieser Art, aber ich habe ihn mir gemerkt. Das Ratsgymnasium war stockkonservativ und ich sehr aufsässig, mit Haaren bis zu den Hüften. Man hat meiner Mutter nahe gelegt, mich von der Schule zu nehmen. Im Grunde genommen der pädagogische Offenbarungseid vieler Lehrer dort, die mit uns Schülern nicht umgehen konnten, uns als Feinde ansahen.

In der 11. Klasse wechselte ich an eine linke Musterschule mit Biotop und kiffenden Lehrern. Genau das Richtige, könnte man meinen. Aber dort ließ ich mir die Haare schneiden und tauchte mit Fiorucci-Jeans auf. Das galt einigen Genossen als Verrat an allen Idealen und war meine Reaktion auf den Linkskonformismus an der Schule. Bis heute nicht vergessen habe ich einen Lehrer namens Both, der zu einer unglaublich friedensbewegten Schülerin sagte: "Frau Visser, wenn Sie diskutieren wollen, gehen Sie doch lieber in eine Diskothek." Both war ein Poltergeist und mir fremd wie ein Marsmensch, aber für diesen rebellischen, nonkonformistischen Satz habe ich ihn in der Minute geliebt.