Bei der Bilanz-Pressekonferenz am 26. Februar 2001 hatte sich das Traumpaar erstaunlich verändert. Die amerikanische Braut schien verschwunden zu sein. Genauer gesagt, aus ihr war ein Deutscher mit Glatze und Schnauzbart geworden: Chief Exekutive Officer Dieter Zetsche - ein Name, der Amerikaner, wenn überhaupt an etwas Anglophones, eher an Frau Thatcher denn an Lady Diana erinnert. Zwar wurde am Vorstandstisch tapfer Englisch gesprochen, aber durchwegs mit deutschem Akzent. Der deutsche Partner zeigte sich bei dieser Vorstellung immer noch in strahlendem Licht; über Chrysler jedoch gab es Katastrophenmeldungen. "Es gibt nichts zu beschönigen", sagte Jürgen Schrempp, inzwischen der alleinige Vorstandschef von DaimlerChrysler, "die Situation in den USA hat sich dramatisch verschlechtert."

Wall Street zeigte sich nicht übermäßig beeindruckt vom Sanierungsplan der Deutschen. Die DaimlerChrysler-Aktie pendelte sich nach einem Tief von 37,75 Dollar im Dezember 2000 bei einem Wert um 50 Dollar ein. Seit der Fusion hatte sich der Aktienwert des drittgrößten Autokonzerns der Welt mehr als halbiert und betrug weniger, als Daimler ohne Chrysler wert gewesen war. Was war geschehen?

In der Zoologie der wirtschaftlichen Organisationsformen gehören die transnationalen Zusammenschlüsse zu den faszinierendsten Lebewesen. Auf der einen Seite sind sie robuste, computergenerierte Riesentiere, deren Knochen und Gelenke sich aus Tausenden von Wirtschaftsdaten, Börsennotierungen und Absatzprognosen wunderbar logisch zusammensetzen. Andererseits gleichen sie unbeständigen Wetterformationen, die unberechenbaren Turbulenzen unterworfen sind. Das Problem spitzt sich noch gewaltig zu, wenn es sich um den Zusammenschluss von zwei Autokonzernen handelt. Autos sind hoch symbolische und emotional besetzte Produkte. Im emotionalen Haushalt einer motorisierten Durchschnittsfamilie kommen Autos dicht nach den Kindern und im Zweifelsfall vor den Haustieren.

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Das Walter P. Chrysler Museum liegt am südöstlichen Ende des Chrysler-Geländes. Als ich mich dort umsah, blieb ich am längsten vor dem legendären Willy-Jeep stehen, mit dem die US Armee in Deutschland eingefahren war. Im Chrysler-Museum genießt dieser Jeep den Status einer Reliquie. Er steht in einer liebevoll nachgestellten Kriegskulisse - verkohlte Bretter, einstürzende Fassaden, hohle Fenster. Neben dem Jeep sind zwei lebensgroße, in Plastik gegossene amerikanische Soldaten zu sehen, die eine Landkarte studieren. "The Jeep", so der Begleittext, "became and remains a symbol of liberation and a triumph over adversity."

Wie war es dazu gekommen, dass die Erben des Willy-Jeep und die jenes Mercedes-Cabriolets, das "der Führer" fuhr, ein Paar geworden waren? Die entscheidende Begegnung, die dann zur Fusion führte, soll genau 17 Minuten gedauert haben. Nach den Autoren Bill Vlasic und Bradley A. Stertz (Taking for a ride) haben wir uns die historische Zusammenkunft ungefähr so vorzustellen: Im Chefzimmer des Chrysler-Hauptquartiers treffen sich am 12. Januar 1998 zwei Autokönige: Bob Eaton und Jürgen Schrempp. Es ist nichts geplant, nur ein Gedankenaustausch. Schrempp, der Ruhelosere, Drängendere von den beiden, springt vom Sofa auf und bringt das Gespräch auf die Frage einer Fusion, bevor der andere ihm auch nur eine Tasse Kaffee eingeschenkt hat; Bob Eaton, der Rätselhaftere, aber auch der Passivere von den beiden, hört nur zu; aber er scheint von Schrempps Ansinnen keineswegs überrascht zu sein. Er bittet sich eine Woche Bedenkzeit aus, er werde sich melden. Er tat es eine Woche später. Aber er nannte eine "nicht verhandelbare" Bedingung für das Zusammengehen: Es sollte ein Zusammenschluss unter Gleichen sein; der Aufsichtsrat der neuen Firma müsse aus Führungskräften beider Firmen zusammengesetzt sein. Schrempp, so steht es bei Vlasic und Stertz, soll darauf geantwortet haben: "Natürlich werden wir gleiche Partner sein."

Diese Zusage war von den Fachleuten von Anfang an skeptisch beurteilt worden. Wenn zwei Firmen sich zusammentun, von denen die eine 57 Prozent, die andere 43 Prozent des Börsenwertes auf die Waage bringt, dann ist unter Brüdern klar, wer den Ton angibt. Schon vor der Hochzeit waren denn auch Befürchtungen über eine "Germanisierung", beziehungsweise eine "Machtübernahme" durch die Deutschen laut geworden.