Fast vier Jahre sind seitdem vergangen. Die Akten sind studiert, die Orte besichtigt, die Menschen, die sie zuletzt gesehen haben, befragt. Doch die Rekonstruktion des gemeinsamen Freitodes der Eltern bleibt Stückwerk, nur die Tochter führt das Gespräch zwischen den Toten und Lebenden. Wenigstens im Traum sind sie ihr ständig vor Augen. Lebendig, jung, fast heitere Rückkehrer aus dem Tod, den sie ihr selbstbewusst als Täuschungsmanöver verkaufen, wenn sie sie in wütenden Traumtiraden der Rücksichtslosigkeit bezichtigt. Rücksichtslosigkeit vor allem ihr gegenüber, dem einzigen Kind.

Vielleicht war es ja so: Zum Schluss waren sie nur noch Getriebene, beherrscht von ein paar manisch repetierten Worten, die gegen die Schädeldecken hämmerten: "Finanzielle Not, der Gang zum Sozialamt droht, für einen Neubeginn zu alt." Der Entschluss stand seit Wochen fest, der Termin war gesetzt, die Zeituhr tickte. Bloß nicht nachdenken. Alles durchplanen. Das Leben ist verpfuscht, dann wird wenigstens der Abgang perfekt organisiert. Und viel war zu tun: Ein Auktionator wurde bestellt, die Wohnung gekündigt, der geleaste Audi zum Händler zurückgebracht. Wir gehen auf eine lange Reise. Ordnung muss sein. Die Wohnung wurde geputzt, sodass die zeitlebens vergötterten Dinge ein letztes Mal über die Lebenden triumphierten in all ihrem Glanz.

Wie war wohl ihr letzter Tag? Die üblichen morgendlichen Rituale: gemeinsames Frühstück im Bett, Zeitungslektüre, Ankleiden. Wir haben alles im Griff. Der Blick der Mutter streift den Spiegel: Das feine graue Haar sitzt heute nicht wie sonst, egal. Sie ist die treibende Kraft, sie gibt die Befehle, der Vater gehorcht, wie immer in 44 Jahren Ehe. In dem Abschiedsbrief an eine Notarin trifft sie die letzten Verfügungen: Man möge ihre Urnen im Familiengrab in Thüringen beisetzen, bei der Beerdigung solle nur der Pfarrer anwesend sein. Dann schreibt sie das Testament, setzt als Alleinerben einen Fremden ein. Das Wort "Selbstmord" fällt in den Schriftstücken nicht. Ihr Tod möge als Unglücksfall behandelt werden, bestimmt sie. Der Vater signalisiert jedes Mal Zustimmung in schrägen, leicht zittrigen Krakeln. "Sitz nicht rum, mach schon, na los." Er schnürt alles in gewohnter Pedanterie zu einem Päckchen, fügt Schmuckstücke und die Wohnungsschlüssel hinzu, macht sich auf zur Post. Fort mit den Adressbüchern, schert sich doch eh keiner um unseren Tod! Alles muss weg: die Lebensmittel, die Frühstücksreste, der Badezimmerabfall - dass hier später bloß nichts riecht! In eine alte braune Reisetasche packt der Vater einen Föhn und eine Toilettentasche, obendrauf legt er eine Plastiktüte mit einem ordentlich zusammengefalteten dreipoligen schwarzen Stromkabel, dessen eines Ende blank liegt. Sie betreten die marmorgesäumte Hotelhalle, bezahlen im Voraus 420 Mark für ein Doppelzimmer, geben an der Rezeption eine Postkarte an die Notarin ab: "Wir sind im Zimmer 525." Das Schild "Bitte nicht stören" wird an die Hotelzimmertür gehängt. Der Vater schließt den Föhn an den 220-Volt-Stecker neben dem Badezimmerspiegel an, prüft, er geht. Die beige Sitzbadewanne ist schnell gefüllt. Sie ziehen sich aus, quetschen sich nackt in die kleine Wanne, setzen sich einander gegenüber, ungelenk ineinander verkeilt. Schauen sich an. Loslassen. Über den Wolken. Gott, steh uns bei. Der Föhn fällt in die Wanne. Stromschläge. Aus. Vorbei.

Der Schein bestimmte das Sein

Die Theatralik der Inszenierung katapultierte sie für einen kurzen Moment ins Medienlicht: "Ehepaar tot in Hotel-Badewanne" meldete als Titelschlagzeile der Kölner Express.

Der Anblick der schon verwesenden Leichen im Wasser sprengte die bürgerliche Fassade. Der Schein war für Karl und Christa Lehmann zeitlebens ihr Sein, die Kulisse des Wohlstands bildete ihr Lebenselixier. Durch die Trümmerkrater des Nachkriegsdeutschlands wurde die schöne junge Christa Adloff im Mercedes chauffiert. Als Frühwaise war sie Alleinerbin der Thüringer Gummifabrik C. A. Adloff, eines Millionenbesitzes im Thüringer Wald. Ein Onkel arrangierte 1949 das erste Rendezvous mit Karl Lehmann: Gerade aus vierjähriger sowjetischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, impotent, krank, traf er sie in seinem besten Anzug mit großem Hut bei einem Berliner Couturier. Er stellte sich auf die Zehenspitzen und sagte kindlich: "Ich bin der Karli." Sie verlobten sich. Karl Lehmann, ausgestattet mit Sportwagen und einer großzügigen Apanage, studierte in Krefeld Textilingenieurwesen, um die Gummiwerke zu übernehmen. Doch die Feste in der weißen Walmdachvilla gegenüber der Fabrik hatten bald ein Ende: 1953 führte das Finanzministerium Berlin eine Betriebsprüfung durch, fand angebliche Verstöße gegen die Wirtschaftsgesetze der DDR und drohte mit einer Durchsuchung durch die Wirtschaftskommission. Christa Adloff floh mit einem Koffer voll Familiensilber und Dokumenten über den Berliner Anhalter Bahnhof.

Ein Neuanfang: Karl Lehmann baute in den nächsten Jahren mit seinem Vater im westfälischen Dorsten die in Sachsen gleich nach dem Krieg enteignete Kofferfabrik wieder auf. Doch 1966 musste die Firma Vergleich anmelden. Hysterie, Tränen, "dein Vater ist ein Versager, wir müssen uns trennen" - dramatische Szenen vor einem verwirrten Kind. Eines Abends nahm die Mutter die kleine Tochter zu sich ins Ehebett, morgens lag sie reglos neben ihr. Das Geschrei des Kindes hat wohl die Nachbarn alarmiert, jedenfalls pumpte man der Mutter im Krankenhaus die Schlaftabletten aus dem Leib. Doch darüber sprach man nicht. Eine gläserne Wand schob sich unmerklich zwischen die Welt und die Tochter.