Alles war generalstabsmäßig geplant. Das Dokument, gut 100 Seiten stark und als geheime Kommandosache unter Verschluss gehalten, sollte in der kommenden Woche dem staunenden Publikum präsentiert werden. Die Druckfahnen waren so gut wie fertig, ihre Vorlage beim Kanzleramt schien nur noch eine Formsache. Gut gelaunt ließ Wirtschaftsminister Werner Müller den Entwurf seines mit Spannung erwarteten Energieberichts in die Berliner Regierungszentrale schaffen - mit der Bitte um umgehende Freigabe.

Die prompt verweigert wurde. Die Lektüre des Müller-Reports, der der ZEIT vorliegt, ließ den Mitarbeitern Gerhard Schröders die Haare dermaßen zu Berge stehen, dass Kanzleramtschef Frank Steinmeier den parteilosen Minister umgehend stoppte. Was der frühere Strommanager zu Papier gebracht habe, heißt es aus Schröders Umgebung, sei "absolut kontraproduktiv". Von der Öffentlichkeit bisher unbemerkt, musste Müller, der "Kauz im Kabinett", wie ihn die Berliner Zeitung kürzlich nannte, die schwerste Niederlage seiner politischen Karriere einstecken.

Immer diese Bedenkenträger

In seinem Bericht wollte der Wirtschaftsminister mit den Flausen rot-grüner Energie- und Umweltpolitiker abrechnen und vor allem verhindern, was er für Fehltritte hält. Trotzdem will er von Problemen mit dem Kanzleramt nichts wissen, auch wenn es immer "irgendwelche Bedenkenträger" gebe.

Tatsächlich stieß mehreren hochrangigen Mitarbeitern Schröders auf, dass Querdenker Müller in seinem Bericht das von ihm selbst mitgestaltete Prestigeprojekt namens Atomkonsens gnadenlos entwertet. Durch die Einigung mit der Stromwirtschaft werde lediglich "ein Prozess vollzogen, der durch die ökonomischen Randbedingungen für die Nutzung der Kernenergie ohnehin vorgezeichnet war", lässt Müller politically incorrect schon auf Seite 9 seines Elaborats wissen. Müllers Chef, Kanzler Schröder, feiert die Einigung mit der Strombranche indes als "einen großen Erfolg dieser Bundesregierung".

Aus Sicht des Kanzleramtes und der Koalitionsfraktionen noch ärgerlicher ist Müllers Diktum, die rot-grüne Klimapolitik sei zum Scheitern verurteilt. Während Schröder bei öffentlichen Anlässen ausdrücklich vom "angeblichen" Widerspruch zwischen Klimaschutz und energiewirtschaftlichen Zielen spricht, während sich der Bundestag mit den Stimmen von SPD und Grünen kürzlich für die Formulierung "ehrgeiziger, langfristig angelegter Minderungsziele für Treibhausgasemissionen" in der Größenordnung von minus 40 Prozent bis 2020 aussprach, lässt sich Müller in seinem als top secret gehüteten Bericht ausgiebig über die Risiken aus, die solcherlei Pläne mit sich brächten. Rot-grüne Parlamentarier, denen der Tenor des Werkes zu Ohren kam, witterten bereits eine "Großkrise der Koalition".

Tatsächlich ist die Botschaft des schon mehrmals als Provokateur aufgefallenen Liebhabers klassischer Musik niederschmetternd: Macht Rot-Grün so weiter wie bisher, legt Müllers Bericht nahe, verfehlt die Regierung ihre Klimaschutzziele grandios. Lege sie aber nach, seien nicht nur Sicherheit und Wirtschaftlichkeit der Energieversorgung gefährdet; es müssten "auch gravierende negative Rückwirkungen auf Wirtschaftswachstum und Beschäftigung begründet befürchtet werden".