Haltet euch doch zurück mit Kritik an dem Mann mit der Befehlsgewalt über die Streitkräfte der Bundesrepublik! Sein Liebesglück steht erstens keineswegs im Widerspruch zu seinen staatsmännischen Pflichten. Graf Bussy-Rabutin schrieb schon im 17. Jahrhundert in Anspielung auf die galanten Abenteuer des Sonnenkönigs: "Unterlassen wir es doch, einen Herkules zu tadeln, der ... keine süßere Erholung von seinen Mühen als die in den Armen des schönen Geschlechts zu finden weiß. Wenn die Liebesleidenschaft das Kennzeichen dieser Halbgötter war, so muß sie es auch von denen sein, welche die Natur nach ihrem Beispiel gebildet hat, und da es keine vollkommenere Kopie als unseren Monarchen gibt, sollte es uns nicht wundern, daß er gleichen Hang und gleiche Neigung hat."

Zu Zeiten des Sonnenkönigs gehörte es zu den größten denkbaren Ehrungen, den Monarchen aufsuchen zu dürfen, wenn er seine Notdurft verrichtete - seien wir doch zweitens dankbar, dass die modernen Medien, den Grundsätzen einer universalistischen Ethik gemäß, im Prinzip uns alle mit der Möglichkeit beschenken, die privatesten Neckereien unserer Politiker mitzuverfolgen. Zudem dürfen wir uns - drittens - darüber freuen, dass die Kehrseite der partiellen Öffentlichkeit des Privatlebens des absolutistischen Monarchen heute nicht mehr besteht: sein alles durchdringender Blick, den der Stadtplan von Karlsruhe auf so großartige Weise versinnbildlicht. Heute dürfen wir Untertanen zugucken, während wir dank des Datenschutzes nicht mehr befürchten müssen, dass unsere eigenen Alkovengeheimnisse gegen unseren Willen ausgeforscht werden.

Seien wir ehrlich: Allem Universalismus zum Trotz besteht eine zunehmende Asymmetrie zwischen den Normen für Privatbürger und denen für Politiker. Lady Diana ist gestorben auf der Flucht vor Paparazzi, und der angeblich mächtigste Mann der Welt musste sich 1998 eine - wenn auch zugegebenermaßen nicht unverschuldete - sehr weitgehende Demütigung gefallen lassen, die, einem Privatbürger angetan, als Menschenrechtsverletzung erster Ordnung gedeutet worden wäre. Ist es da nicht gerade ein Zeichen selbst für einen derartigen Amtsträger ganz ungewöhnlicher strategischer Intelligenz, wenn der Verteidigungsminister die Flucht nach vorne antritt und nicht erst den Paparazzi riskante Flug- und Tauchaktionen zumutet, sondern großzügig allen Interessierten zeigt, was sie ohnehin wissen wollen und was sie ganz offenkundig mehr interessiert als die schwierigen sachlichen Fragen? Und mag er nicht sogar die hintersinnige Absicht haben, uns dadurch am Ende zu frustrieren, weil Erotik von Spannung und Geheimnis lebt? Wenn wir die Bilder der Bunten recht bald ziemlich langweilig finden, mag eine Weltgesellschaft aus Voyeuren vielleicht ihr Interesse wenigstens kurzfristig anderswohin lenken und sogar einmal wieder Politik für mehr halten als die Geschichten um Intrigen und Partnerwechsel von Politikern. Ich weiß von einem jungen Mann, der die Hauptwerke der Weltliteratur deswegen so gut kennt, weil sein kluger Vater sie in einem Schrank einsperrte, zu dem ihm der Zugang verwehrt war; doch ließ der Vater den Schlüssel meistens herumliegen. Die Bücher dagegen im offenen Regal mit dem literarischen Äquivalent von Scharpings Abenteuern blieben ungelesen. Und wenn jemand nun einwendet, ich würde Scharping zu komplexe Gedankengänge zutrauen, kann ich nur sagen: An irgendetwas muss auch ich glauben.