Hans Dreykluft hat es wenigstens versucht. Er wollte alles richtig machen, was in der Gesundheitsdebatte stets gefordert wird: In einem Team mit anderen niedergelassenen Ärzten wollte er Mehrfachuntersuchungen vermeiden, Therapien verschiedener Fachmediziner sollten sinnvoll aufeinander abgestimmt und Patienten erst dann in eine Klinik überwiesen werden, wenn dies fachlich unbedingt geboten war. Aus einem lockeren Zusammenschluss befreundeter Mediziner entstand ein Praxisnetz, dem schließlich 600 Ärzte angehörten.

Die Kassenärztliche Vereinigung Berlin und zwei Kassen handelten die Bedingungen mit den Ärzten aus, ihre Patienten erhielten einen Rabatt von jährlich 120 Mark. Das Modell wurde bundesweit bekannt. Wer in der Gesundheitspolitik auf sich hielt, schaute mal vorbei. Dreykluft genoss die Fachdebatten mit den Kollegen im Netz. Für den Internisten aus Berlin-Spandau war es die Erfüllung eines Traums.

Aus, vergangen, vorbei. Mitte Juli hängte Dreykluft das Praxisnetz-Plakat in seinem Wartezimmer ab, auch die Schreibtischbüste mit dem Praxisnetz-Logo verschwand. Das Ärztenetz gibt es nicht mehr. Rund 60 Mediziner aus dem Südwesten Berlins diskutieren über einen Neuanfang im Kleinen. Dreykluft wird am 12. September bei den Gesundheitspolitikern der SPD-Bundestagsfraktion zu Gast sein, um zu erklären, wie es so weit kommen konnte.

Vertreter aller Parteien haben die Schuldigen allerdings ausgemacht: die Selbstverwaltungen von Ärzten und Kassen, insbesondere die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV). Sie gelten als Verweigerer und Verzögerer - etwa bei der "integrierten Versorgung", der besseren Zusammenarbeit von Kliniken und Arztpraxen, wie sie in Berlin erprobt wurde.

Nach unzähligen Debatten und Reformversuchen wird in der Gesundheitspolitik derzeit über sehr Grundsätzliches gestritten: Es geht darum, wer im deutschen Sozialstaat die Regeln aufstellt und wer deren Einhaltung kontrolliert. Die Kassenärztlichen Vereinigungen sind neben den Kassen die heimlichen Herrscher im Gesundheitssystem. Sie verteilen die Mittel der gesetzlichen Krankenversicherung an die rund 115 000 niedergelassenen Ärzte und bilden ein schlagkräftiges Kartell.

"In Deutschland trauen viele Politiker der Selbstverwaltung zu viel zu. Dabei kann man ein Buch mit den Gesetzen füllen, die von den Verbänden nicht umgesetzt wurden", sagt Friedrich Wilhelm Schwartz, der Vorsitzende des Sachverständigenrats für die konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. In einem sechsseitigen Thesenpapier hat er Vorschläge für eine große Gesundheitsreform zusammengefasst. Entscheidend dabei: "Zurückdrängen institutioneller Verbändeinteressen, deutlichere Zielvorgaben und direkte Korrektureingriffe des Staates". Das habe sich bei erfolgreichen europäischen Nachbarn auch bewährt.

Der rheinland-pfälzische Sozialminister Florian Gerster (SPD), Wortführer der SPD-Länder bei Gesundheitsthemen, will deshalb die "kartellähnlichen Strukturen" abschaffen, Exminister Horst Seehofer (CSU) will "Monopole zerschlagen", und auch für Klaus Kirschner (SPD), den Vorsitzenden des Gesundheitsausschusses im Bundestag, haben die Kassenärztlichen Vereinigungen "keine Existenzberechtigung mehr".