die zeit: Kinderreichtum ist in Deutschland ein Armutsrisiko. Müsste nicht gerade Rot-Grün gezielter die einkommensschwachen Familien unterstützen, statt den Schwerpunkt bei der Erhöhung des Kindergelds für alle zu setzen?

Heide Simonis: Das Verfassungsgericht hat mehrfach darauf hingewiesen, dass wir bei direkten Zuwendungen jedes Kind gleich behandeln müssen. Tatsächlich ist aber gerade Familien, die an der unteren Einkommensgrenze liegen und auf zwei Verdiener angewiesen wären, mit dem Kindergeld kaum geholfen. Weil die Betreuung fehlt, die andere Eltern sich privat leisten können, hören die Frauen auf zu arbeiten, und die Familien drohen sozial abzurutschen.

ZEIT: Also was tun?

Simonis: Ab 1. Januar 2002 wird das Kindergeld noch einmal erhöht. Danach aber plädiere ich für ein Moratorium bei weiteren geplanten Erhöhungen. Bund und Länder könnten dann die gesparte Summe in mehr Kindergartenplätze, Nachmittagsangebote und Ganztagsschulen investieren. Dazu müssten sich alle Beteiligten - Bund, Länder und Kommunen - gemeinsam verpflichten.

ZEIT: Aber auch da könnte es Schwierigkeiten mit dem Bundesverfassungsgericht geben: Es schreibt die Erhöhung des Kindergeldes vor.

Simonis: Ich sehe da kein Problem. Laut Verfassungsgericht müssen alle Kinder und ihre Eltern die Chance haben, am gesellschaftlichen Leben gleichberechtigt teilzunehmen. Wenn die Kinder betreut sind und die Frauen an ihren Arbeitsplatz zurückkehren können, ist das doch viel eher gewährleistet als mit dreißig Mark mehr Kindergeld.

ZEIT: Für Kindergärten und Schulen sind Länder und Kommunen zuständig. Wer hindert Sie daran, das Thema in Schleswig-Holstein einfach selbst anzupacken?