Gérard Mortier, der Intendant der Salzburger Festspiele, verlässt Österreich und hinterlässt zum Abschied Worte. Darunter auch solche, die immer stimmen: "Neue Generationen stellen immer neue, andere Fragen. Das ist lästig, aber es muss sein."

Gesetzt den Fall, es gäbe so etwas Barbarisches wie eine Abstimmung darüber, welches Buch es denn sei, in dem die Frage meiner Generation gestellt wurde: Ich würde Peter Handkes Wunschloses Unglück wählen. Das Buch, geschrieben Januar/Februar 1972, bei suhrkamp taschenbuch neu aufgelegt, ist auf eine Weise wahrhaftig, die es vorher nicht gegeben hat. Keineswegs sind "wir" eine besonders wahrheitsliebende Generation. Es war nur so, dass der selbstverständliche Wunsch, die Wahrheit darüber zu sagen, wie (in unserem Land) gelebt wurde, sich nicht leicht erfüllen ließ. Dagegen standen das Phrasendickicht, bewusste, politisch organisierte Lügen, aber auch unsere Unfähigkeit. Man kann nicht einfach mit irgendetwas herausplatzen, weil man es momentan für die Wahrheit hält. Die Wahrheit auszusprechen ist auch eine Frage der Methode.

Peter Handke begleitete das "Wunschlose Unglück", die Lebens- und Sterbensgeschichte seiner Mutter, mit Reflexionen über das Schreiben dieser Geschichte. Es soll in der österreichischen Literatur schon vorgekommen sein, dass einer zuerst einen Satz hinschrieb und dann ein paar Seiten zum Thema, wie er diesen Satz hingeschrieben hatte: "Sprachkritik" als Manier. Aber beim Wunschlosen Unglück ist die Reflexion des Schreibens ein Teil der Geschichte, oder, genauer: Sie ist die Sache des Erzählens geworden. Was ist passiert, und wie kann ich darüber sprechen?

Handke brachte in dem Buch die berühmte Wendung zustande: "Ich vergleiche also den allgemeinen Formelvorrat für die Biographie eines Frauenlebens satzweise mit dem besonderen Leben meiner Mutter; aus den Übereinstimmungen und Widersprüchlichkeiten ergibt sich dann die eigentliche Schreibtätigkeit."

Das Problem ist klar: Erzählt man die Geschichte seiner Mutter zu konzentriert auf ihre Person, dann kann die Geschichte höchstens den Verwandten etwas bedeuten. Verallgemeinert man jedoch zu stark, dann verschwindet die Person in einer Allgemeinheit. Dabei wiederholt man auf der Ebene der Erzählung bloß, wovon man erzählen möchte: dass nämlich eine Frau in den entpersönlichenden Anforderungen verschwindet, denen sie wunschlos entsprochen hat.

Der Titel Wunschloses Unglück ist treffend. Selten wurde ein Titel gefunden, der zugleich sachlich bleibt und dennoch durch ein Paradox für die nötige Aufmerksamkeit im Feuilleton und in der Buchhandlung sorgt. Das Unglück, das noch zu wünschen übrig lässt, hält einen Menschen vielleicht am Leben. Aber die wunschlos gewordene Frau, von der Handke erzählt, nimmt ihr Leben erst in die Hand, als sie Hand an sich legt. Dass sie Selbstmord begangen hat, erweckt sogar im Sohn eine Art von Triumph: Sie hat es sich - am Ende - doch nicht gefallen lassen!

Ihr Lebenslauf war vernichtend: "Ein Naturschauspiel mit einem menschlichen Requisit, das dabei systematisch entmenscht wurde." Der Ehemann, der nicht Handkes Vater war, sprach dem Alkohol zu. Sie musste bitten und betteln gehen, um die Folgen des Durstes zu mildern. Ansuchen über Ansuchen wurden gestellt, für Ermäßigungen aller Art - "das meiste im gnädigen Ermessen, aber auch das, auf was man gesetzlichen Anspruch hatte, musste man immer wieder so genau nachweisen, dass man das endliche Genehmigt! dankbar als Gnadenerweis nahm."