Der Gedichtband, für den Wolfgang Hilbig 1983 den Brüder-Grimm-Preis der Stadt Hanau erhielt, trug den Titel abwesenheit. Die Behörden der DDR haben den unbequemen, zornigen, nicht mehr ganz jungen Mann, der doch ihr Vorzeigearbeiterdichter hätte werden können, mit einem Ausreisevisum beschenkt, dennoch war abwesenheit so wörtlich und so eindeutig nicht zu nehmen, wie manche seiner Freunde und Gefährten taten, weil sie Hilbig wieder anwesend wissen wollten.

Es sind freilich vor allem seine unverwechselbaren Prosaarbeiten, die seinen Ruhm begründet haben, so die Alte Abdeckerei, um nur ein Buch beispielhaft zu erwähnen. Doch immer wieder schrieb Hilbig, sparsam, Gedichte, ein Traumwandler auf einem alten Fabrikhof, auf einem schmalen Stück Erdoberfläche, das in die tiefen Wüsten der Tagebaubrüche abzugleiten droht. Traumwandler zeichnen sich kaum durch intensive Anwesenheit aus: Sie sind abwesend, wenn sie da sind. Man muss sich fragen, ob Hilbig in seiner Autorschaft sich selbst als "abwesend" erfährt oder ob nicht vielmehr die Abwesenheit von Wirklichem ihm als eigentliche Wirklichkeit erfahrbar wird. Gegenwärtigkeit schimmert auf im Entschwinden, in dem sie erst fassbar wird.

Solches scheint auch für den neuen Gedichtband zu gelten, der höchst sorgfältig ausgestattet, mit Radierungen von Horst Hussel versehen, zum 60. Geburtstag Hilbigs, gewissermaßen als Geschenk des Verlages erscheint. Das heißt nun beileibe nicht, dass der Verfasser sich wiederholt. Einsame Tätigkeit ist ihm offenkundig wichtiger als das zweifelhafte Vergnügen, dem Publikum ständig präsent zu bleiben. Es spricht sich in den Gedichten ein merkwürdiges Halb-Bewusstsein aus, das von Entgrenzungen und mythischen Erinnerungen gekennzeichnet ist, aber auch das Fremdwerden von Erinnerungen noch wahrnimmt. Zugleich hat sich der Ton verändert. Die rhythmische Festigkeit erlaubt rhythmische Brüche, die vielleicht nur den Zweck verfolgen, das Glatte und Gefällige zu vermeiden: Ohne Erinnerung und ohne Grund / der Götter Zeichen gleich Worten die wir flüchtig / kannten / fügten sie ihre Spur der Oberfläche zu und stiegen dann in Höhen auf wo Tage still / verbrannten / und weiter - vogelgleich mit ihresgleichen - einem / Dunkel zu.

Das ist weit weg von der gleissenden Geschwätzigkeit und gesuchten Künstlichkeit mancher zeitgenössischen Viel-Dichter: Ach der ganze Garten überschwemmt vom / Mond - / und Schwärme von Fischen am Weg / wie Federn leicht wie zuckende Klingen im Licht. Ob sich der, welcher sich in diesen Gedichten zu vergewissern sucht, nicht bereits abhanden gekommen ist, wird zur schmerzhaften Frage. In manchen Augenblicken scheint es nur die Obsession des Schreibens noch zu geben. Auch nicht schreibend scheint, wer hier spricht, noch schreibend tätig zu sein. Nicht selten nimmt er vorweg, was eintreten wird; es kommt zu Szenen, die konzentriert viel von dem enthalten, was die Prosa Hilbigs an markanten Stellen so unverwechselbar macht: Ach meine Zeit ist um - / war schon vorbei als ich zum ersten Mal von ihr / gehört - / kann nicht mehr fort aus dieser Stadt wo ich nie / eintraf ... Verbrauchte Zeit, verbrauchtes Dasein, Szenerien überwucherten Verfalls, die motivischen Entsprechungen zur Erzählprosa sind unverkennbar, und auch insofern haben wir es hier mit Bildern vom Erzählen zu tun. Es bleibt nichts als ein träumend Salz, von dem Welle einatmend sich zurückzieht: ausatmend wiederkehrt. Wovon also soll einer erzählen? Unruhe durchzittert als Frage diese Verse. Selten sind die kurzen Momente des vollkommenen Ausgleichs: O dieser Augenblick im Gleichgewicht der den / Atem anhält / bevor das Bild kentert.

Wer spricht eigentlich? Von nur subjektiven Einsichten, Erfahrungen, gar Empfindungen kann die Rede nicht sein. Ein poetisches Ich wird in seinen Gefährdungen sichtbar; Vergeblichkeit droht. In diesen Gedichten ist von überpersönlichen Erfahrungen die Rede, hin und wieder sind es aber auch Erfahrungen, die der Schreibende schreibend erst gewinnt. Zum 60. Geburtstag schreibt Hilbig auch ein Gedicht für sich und nennt es Der Zufall. Es endet mit den Versen: Ich blieb zurück und nach mir schlug der / Wahn ... / auch er schlug fehl: ich bin des Zufalls schiere / Ungestalt - / und nun müsst Ihr mich überstehn: erbarmt euch / meiner! Dem Leser wird die Mühe langsamen, geduldigen Lesens abverlangt. Aber er wird belohnt. Das Geschenk, das der Verlag dem Autor macht, wird zum Geschenk des Autors an seine Leser.

Wolfgang Hilbig:Bilder vom Erzählen Gedichte; mit Radierungen von Horst Hussel; S. Fischer, Frankfurt a. M. 2001; 64 S., 97,79 DM