Das Schwierige an den Büchern des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm (Jahrgang 1963) liegt darin, dass sie so einfach sind. Es sind schmale Bände (eine Sammlung von Erzählungen und zwei kleine Romane), die man widerstandslos und mit seltsamer Gespanntheit bis an ihr Ende liest. Man fühlt sich wie gefangen in dieser stillen Welt, in der sich selbst die Dramen der Leidenschaft so geräuschlos ereignen, als läge überall dichter Schnee.

Schwierig daran sind lediglich zwei Dinge: Zum einen die Frage, wie Peter Stamm das macht, mit welchen Mitteln er die Suggestion erzeugt; dass er ein hoch begabter Erzähler ist, wurde von der Kritik mehrfach bemerkt. Und zum Zweiten die Frage, ob die Suggestion tief und dauerhaft gründet oder ob sie bloß auf einem rasch verlöschenden Effekt beruht.

Gefangen ist man bei Peter Stamm zunächst durch sein ständiges Thema, die Liebe. Nicht sehr originell. Doch was heißt Liebe? Hier ist es ein starkes, aber diffuses erotisches Begehren, ausgelöst durch einen Zufall, durch eine nicht vorhersehbare, nicht steuerbare Sensation, und dieses Begehren ist gar nicht strikt sexuell, entspringt eher dem selbstvergessenen Wunsch nach Verschmelzung.

Die Männer kriegen selten die Frauen, die sie wollen, und falls doch, so wissen sie nicht mit ihrem Glück umzugehen. Einmal kommt ein Mann (in dem Erzählungsband Blitzeis) nach New York, nimmt sich ein Zimmer und sieht im Fenster gegenüber eine Frau, die tanzt. Eine Tänzerin offenbar, denn er beobachtet sie häufiger bei ihren Übungen. Er ist einsam, seine Fantasien richten sich immer mehr auf ihre anziehende Gestalt. Da spricht ihn auf der Straße eine Frau an: Ihre Freundin im Haus gegenüber würde ihm gerne begegnen, sie sehe ihn immer am Fenster. Er freut sich, doch als er die Frau trifft, erkennt er, dass es nicht die Tänzerin ist.

Zwei Sehnsüchte, die sich überkreuzen, ohne ihr Ziel zu finden. Die Menschen in Peter Stamms Prosa gleichen Sternen im All, die einander tangieren oder touchieren und dann wieder auseinander fliegen.

In der ersten, ebenso kurzen wie unheimlichen Erzählung aus dem Band Blitzeis reist ein junger Mann am Wochenende zu den Eltern aufs Land, wie er es auch sonst tut. An diesem Tag ist einiges ungewöhnlich: Der Schnellzug fällt aus, sodass er mit einer Bummelbahn fahren muss, und es ist sehr heiß. Spät kommt er an, geht in die Kneipe, wo er Bekannte trifft, darunter eine attraktive, ihm aber unsympathische frühere Schulkameradin und deren Freund. Man sitzt und trinkt im Freien und beschließt, als die Sperrstunde naht, einen Badesee aufzusuchen. Man bricht mit Rädern auf, und der Zufall fügt es, dass der junge Mann mit dem Mädchen als Erster ans Ziel gelangt. Sie schwimmen nackt im lauen See und legen sich auf die Planken eines Bootshauses. Sie fröstelt und bittet ihn, sie zu wärmen. Nun geschieht, obwohl es nicht gesagt wird, offenbar das Naheliegende. Jedenfalls taucht kurz danach der Freund auf, erfasst die Situation, ruft: "Warum hast du das gemacht?", und springt ins nachtschwarze Wasser.

"Es gab im Wasser Pfähle, die bis an die Oberfläche reichten, als Kinder hatten wir gewusst, wo sie waren. Urs trieb unten im Wasser. Sein Körper leuchtete seltsam weiß im Mondlicht, und Stefanie, die nun neben mir stand, sagte: ‰Der ist tot.'" Am Ende heißt es, der junge Mann habe Stefanie nur einmal noch bei der Beerdigung gesehen und später gehört, sie sei schwanger. Danach sei er ihr aus dem Weg gegangen.