Auf dem über tausend Jahre alten Grab Ottos des Großen im Magdeburger Dom liegt in diesen Tagen ein Kranz, dessen Schleife in lateinischen Worten verkündet, die Welt sei glücklicher gewesen, als dieser Kaiser das Zepter führte. Doch kein geheimes Deutschland huldigt hier einem seiner Kaiser und Helden. Die spektakuläre Ausstellung über Otto den Großen, die am vergangenen Wochenende eröffnet wurde, trägt den Untertitel Magdeburg und Europa. Der Kaiser, von dem kein Porträt existiert, den zeitgenössische Siegel und Elfenbeinschnitzereien aber als langbärtigen, christusähnlichen Weltherrscher zeichnen, wird als Gründervater und Ahnherr des sich einigenden Europa exponiert. Den Sachsenpfennig, die gängige Münze der ottonischen Zeit, nennen die Ausstellungsmacher "den Euro des 10. Jahrhunderts". Aber auch sakrale Ferne darf hineinspielen: Zur Eröffnungsfeier wurde eine Kopie der Heiligen Lanze, mit deren Hilfe Otto 955 auf dem Lechfeld die Ungarn geschlagen haben soll, unter mönchischem Chorgesang durch den Dom getragen.

Ob im Zusammenhang mit Ottos kriegerischen Erfolgen gegen Slawen und Ungarn das Wort "Osterweiterung" immer vermieden wurde - wer weiß das schon? Die Zahl derer, die hier zusammenzucken und sich an die "Ostforscher" Albert Brackmann und Hermann Aubin erinnern, die um 1940 Kaiser Otto als deutschen Kulturbringer unter den kulturunfähigen Völkerschaften des späteren Polen priesen, dürfte gering sein - außerdem enthält der gewichtige wissenschaftliche Katalog einen ausgezeichneten Beitrag des Frankfurter Historikers Johannes Fried, der die wechselvolle historiografische Rezeptionsgeschichte des ottonischen Kaisertums mit aller wünschenswerten Deutlichkeit dokumentiert. Warum wurde hierzu nichts ausgestellt? Die Ottonen stellen für die deutsche Identität einen ähnlich "heißen" Punkt dar wie die Staufer. Eine anschauliche Rezeptionsgeschichte hätte eine Brücke über den Abgrund von tausend Jahren bauen können.

Wer Frieds Beitrag studiert und wer sich in das einzige bildliche Zeugnis dieser Rezeptionsgeschichte vertieft, das am Ort der Ausstellung zu sehen ist, Artur Kampfs monumentales Fresko über Otto als Slawenkrieger von 1906, dem muss die europäische Einkleidung der Ausstellung verdächtig werden. Im letzten Jahrzehnt ist kaum eine Epoche der mittelalterlichen Geschichte quellenkritisch noch einmal so umgepflügt worden wie die Zeit vor dem Jahr 1000. Eines der wichtigsten Resultate dieser akribischen Revision war, dass ein Begriff von Deutschland und den Deutschen im 10. Jahrhundert nicht bestand. Wenn man die so genannte Sächsische Kaiserzeit immer noch mit Robert Holtzmanns klassischer Darstellung als Anfang und Jugendzeit des Deutschen Reiches bezeichnen wollte, dürfte man dies bestenfalls rückwirkend tun. Otto der Große war ein fränkischer König aus Sachsen, Herrscher in einem Teilgebiet von Karls des Großen Reich; seine Gefolgsleute und adeligen Pairs waren Alemannen, Bayern, Sachsen, Franken. Erst die Italiener während des Investiturstreits hundert Jahre später begannen sie zusammenfassend als "Deutsche" zu bezeichnen.

Darf man von "Europäern" sprechen? Die Krieger Ottos empfanden sich, wenn sie mehr sein wollten als Stammesfürsten, als "Christen", die Bezugsorte der ottonischen Selbstdefinition waren, als der Horizont sich europäisch erweiterte, Aachen, Rom und Konstantinopel - was auch sonst. Otto den Großen als Vorläufer der Europäischen Union zu verklären ist gewiss weniger schädlich als die Inanspruchnahme für deutsches Hegemoniestreben im 19. und 20. Jahrhundert, aber historisch ebenso haltlos.

Darauf zu bestehen ist nicht überflüssig; schon deshalb nicht, weil die Ausstellung selbst, also das, was man sieht, wenn man den Plakaten und den Animationen entkommen ist, sich als tadellos erweist: wissenschaftlich präzise, optisch glanzvoll, konzentriert in Auswahl und Aufbau und sensationell durch den Rang einiger Leihgaben.

Die stumme Alltagsgeschichte wird schnell abgehandelt - zu Recht, denn sie wurde in allen Mittelalterausstellungen der letzten Jahre, zuletzt in der Berliner Schau über das Jahr 1000, in aller Breite veranschaulicht. Die Magdeburger Stadtgeschichte stellt einen passenderen Hintergrund dar, als es eine Überfülle von Pflugscharen und Pferdetrensen vermocht hätte. Den nicht staatlich-institutionellen, sondern clanhaft verflochtenen, vorwiegend rituell verwirklichten Aufbau der ottonischen Macht müssen Reste aus geistlichen Familiengründungen wie das Stift Gernrode sichtbar machen. Die Ungarn-Schlacht dramatisiert ein auf Übergröße gebrachtes Handschriftenbild - reizvoller ist die Mitteilung, dass eine aus Sankt Gallen auf die sichere Insel Reichenau evakuierte Handschrift dort zu Ende gemalt wurde.

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