Ein Politkrimi. Dokumentation einer Zeit, Dokument eines Lebens: des 1926 als Erbe des damals wohl größten Vermögens von Italien in eine Dynastie à la Rothschild geborenen Giangiacomo Feltrinelli. Es wird ein so abenteuerliches Leben, dass nur eines verwunderlich ist: dass es noch nicht verfilmt wurde. Das Buch zum Film hat nun der 1962 geborene einzige Sohn Carlo, der heute Alleininhaber und Chef des gleichnamigen Mailänder Verlagsimperiums ist, geschrieben. Wenn Liebe Distanz, Respekt, Kritik und zugleich Bewunderung einschließt, dann ist es ein Buch der Liebe.

Liebenswert, in der Tat, war der charmant-hochfahrende, hoch intelligente und zugleich verrannte, in vier Sprachen streitlustig debattierende Giangiacomo. Gerade angesichts seiner Wirrungen und Abirrungen gehört es sich vielleicht, dass der Berichterstatter gleich zu Beginn einbekennt: Ich habe ihn hoch geschätzt.

Feltrinelli, nach einer zwischen Yachten, Salonwagen und Privatlehrern emotional verkümmerten Jugend, wird Kommunist. Kaum ist er volljährig und verfügt über das ungewöhnlich große Vermögen, hat die italienische KP keine Finanzsorgen mehr. Ein brillanter Feuerkopf beginnt seinen Weg - so irritierend-funkelnd wie kaum einer im Europa der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts; und, wen wundert's, begleitet vom gelben Neid. Noch im November 1999 schrieb der Spiegel von gekauften Frauen und dem weißen Cadillac - Feltrinelli besaß nie so ein Fahrzeug, indes Rudolf Augstein, der Herausgeber des Spiegels, jahrelang einen allerdings goldfarbenen Cadillac fuhr. Wie eine "Richtigstellung" liest sich der nüchterne Rapport des Sohnes: "In dieser Atmosphäre und unter diesen Voraussetzungen muß Giangiacomo wohl ernsthaft daran gedacht haben, das ganze verdammte Geld loszuwerden und ,alles in Togliattis Hände zu legen'. Einige hörten ihn das sagen. In einem autobiographischen Abriß für die Partei schreibt er selbst über sein ,ungeheures Vermögen', daß es begonnen habe, ihm ,auf den Schultern zu lasten'. Im übrigen habe er ,bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr nicht einmal gewußt, wie ein Scheck' aussieht ... Nach den herrschenden Klischeevorstellungen hätte er ein Verschwender werden müssen, ein eifriger Philanthrop oder ein über seine Bilanzen gebeugter Unternehmer. Nichts davon wird sich bewahrheiten."

Gekauft allerdings hat der junge Mann (das Vermögen wurde auf 600 Millionen Dollar geschätzt, damals etwa zwei Milliarden Mark) viel; zuerst Bücher. Was heute im familieneigenen Palazzo - einst Sitz der Feltrinelli-Bank - in Regalen und Tresoren verwahrt wird, ist neben den entsprechenden Schätzen in Amsterdam und Moskau die wichtigste Bibliothek zur Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung; sie trägt zu Recht den Namen Feltrinellis; denn ganz jung begann er, quer durch Europa zu reisen, Bücher, Briefe, Manuskripte aufzukaufen, gar die Fahne der Pariser Commune. 1955 folgt die Gründung des Verlages, anfangs wohl von der KPI erhofft als Pamphlet- und Traktätchen-Verteilapparat.

Penibel - gelegentlich redundant - berichtet Carlo Feltrinelli von den Verquickungen mit der italienischen Innenpolitik, von den Eigenwilligkeiten des inzwischen zwar bilanzsicheren Unternehmers, der aber im Verlagswesen ein Anfänger war. Keineswegs spart der Sohn Negativbelichtungen des Vaterbildes aus, etwa wenn er einen Zeitzeugen zitiert: "Dann wäre da noch Feltrinelli, genannt der Jaguar: achtundzwanzig Jahre, Brille, Schnauzer, groß und stark, ein Ignorant, wie er im Buche steht, und reich, daß es einem schlecht werden kann."

Doch mit der Gründung des Verlages beginnt ein Abenteuer, das ungeheuerlich und bewundernswert zu nennen kaum übertrieben ist. Es versucht da einer das kaum Mögliche: politische Überzeugungen (bald wird er sich von der KP trennen), intellektuelle Einsichten, ästhetische Vorlieben "in Papier zu verwandeln". Feltrinelli, in herrischer Nonchalance - immer Chef und Genosse zugleich - formt eine moderne Gewissensfabrik, die durch das schiere Ausmaß Vorbilder wie Kurt Wolf oder Siegfried Jacobsohns Weltbühne weit hinter sich lässt. In seinem Furor gleicht er alsbald einem Dirigenten, der sich selbst die Noten schreibt, dem nicht nur das Orchester, sondern auch noch das ganze Theater gehört; genug ist ihm das nicht: Er will, dass ihm auch das Publikum gehört. Da das nicht geht, soll es ihn wenigstens hören. Den vielstimmigen Chor, den er in seiner privaten literarischen Akademie ertönen lässt; Stimmen der Unbequemen, der literarischen wie politischen Neutöner allemal. Es dauert nicht lange, da zählt er von Günter Grass über James Baldwin, Henry Miller, Nadine Gordimer bis Rolf Hochhuth, García Márquez und Max Frisch - Ché Guevara und Regis Debray ohnehin - zu seinen Autoren alles, was in der Welt Stimme hat, um sie gegen die festgefahrenen Gesetzmäßigkeiten ebendieser Welt zu erheben. Giangiacomo Feltrinelli rüttelt an den Stäben seines goldenen Käfigs - eines Tages werden sie ihn töten.

Ein Leben, das sich verbrennt