Berlin

Das eigene Lager, Rot-Grün, hat ihn lange nervös gemacht, den ganzen Dienstag über noch. Aber dem Chaosorchester der Opposition, das ohne Dirigenten spielt, hörte Gerhard Schröder merkwürdig gelassen zu, weil er sich verflixt sicher war, die Union sitze nun in ihrer "Nachrüstungsfalle", in der einst die SPD saß. Die eigenen Fehler als Erfahrungsquelle beim Regieren, das ist unbezahlbar.

Eine eigene Mehrheit, ohne auf CDU/CSU oder FDP angewiesen zu sein, das war das eine Ziel des Kanzlers. Welche Motive da auch immer zusammenkamen, ein ziemlich harter Kern von Abgeordneten bei SPD und Grünen wollte sich dem Mainstream im Parlament nicht fügen. Endlich mal muss Schröder (wahlweise: Fischer) zuhören! Einmal zeigen, wer am längeren Hebel sitzt! Der Nato nicht trauen! Das, aber auch rationale politische Einwände flossen bunt durcheinander. Die Seelenlage: aufgewühlt.

Ein möglichst breiter Konsens mit CDU und FDP blieb gleichwohl das zweite Ziel dieser Operation. Das jedenfalls war schon vor der Parlamentssitzung endgültig geglückt. Schröder hat sich ohnehin nie zu der Haltung verstiegen, die Regierung brauche die Opposition nicht. Warum sollte er jetzt über das Fiasko der Union triumphieren, die ihre Kehrtwende längst nicht so früh und geschickt wie Westerwelle geplant hat?

Die Außenpolitik, das kann man auf jeden Fall sagen, ist zum innenpolitischen Machtfaktor geworden, und darauf versteht Schröder sich. Die Lernschritte, wenn es darum geht, sich den Realitäten anzupassen, sind bei Rot-Grün beträchtlich, manchmal hätte man sich sogar ein bisschen mehr an intelligenter, engagierter Zögerlichkeit gewünscht anstelle des Übereifers und Desinteresses.

Politik als Kunst des richtigen Managements: So schwierig das Ringen im Parlament für Schröder bis zur Abstimmung war, versagt hat die Union. Schröder warb unermüdlich, am Ende nicht vergeblich, zuletzt in einem Gespräch mit Angela Merkel am Montag um Mitternacht. Dann war, wenn man so sagen darf, die Kuh vom Eis.

Die Konsensdemokratie, das ist und bleibt Chefsache. Sachte und sanft, man reibt sich die Augen, wenn man sich an den hoheitlichen Boss der rot-grünen Anfangsphase erinnert, hat Schröder sowohl in seiner Fraktion als auch an der Spitze der SPD den skeptischen Einwänden gelauscht, die im Kern, sofern sie politisch sind, alle irgendwie um die Kosovo-Erfahrung kreisen.